Ende Juni hatten wir von Whiskyexperts gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Journalisten und Bloggern die Möglichkeit, auf Einladung des deutschen Importeurs Kirsch Whisky die dänische Brennerei Stauning zu besuchen und über unsere Eindrücke zu berichten. Wir tun das in einem mehrteiligen Beitrag, den wir heute mit dem ersten Teil über die Anfänge der Brennerei und deren bewegte, interessante Geschichte beginnen. Viel Vergnügen damit!


Ein Besuch bei der Stauning Distillery – Teil 1: Die junge Tradition

Die Geschichte von Stauning beginnt wie so viele Whiskygeschichten der jüngeren Zeit: Einige Freunde, eine Schnapsidee – und dann einfach machen. Im Fall von Stauning war die Initialzündung im Jahr 2005 eine Radiosendung über schottische Destillerien, in der behauptet wurde, es sei ganz einfach, Whisky zu brennen. Einer der späteren Gründer von Stauning hörte das und wunderte sich, warum es dann noch keiner in Dänemark versucht hatte. Also trommelte er 13 Familienmitglieder und Freunde zusammen – und neun davon ließen sich auf das Abenteuer ein, den ersten dänischen Whisky zu machen.

Das alte Destilleriegebäude von Stauning. Bild © Whiskyexperts 2019

„Es ist tatsächlich einfach, Whisky zu machen“, lacht Alex Højrup Munch, einer der Gründer und jetzt Chief Marketing Officer bei Stauning, als er uns durch die Brennerei führt. „Schwer ist es nur, GUTEN Whisky zu machen.“

Alex Højrup Munch. Bild © Whiskyexperts 2019

Das zeigte sich bei den ersten Versuchen. Begonnen hat man auf einer selbstgebauten Brennblase. In Kleinstmenge. Und in der Fleischerei eines Gründungsmitglieds. Die lag in Strauning an der Westküste Dänemarks, der Wilde Westen des Landes, eher spärlich besiedelt und vom Tourismus abhängig. Die Fleischerei wurde gewählt, weil man dort die Auflagen der Lebensmittelbehörde am Besten erfüllen konnte – die mit den Regularien für den ersten dänischen Whisky ansonsten auch eher überfordert und daher zwischen kulant und pingelig schwankend angesiedelt war.

Die erste eigene Brennblase bei Stauning. Bild © Whiskyexperts 2019

Alex erzählte, man hätte sich vorgenommen, einen getorften dänischen Whisky zu produzieren – einfach deshalb, weil unter den Gründern die alten Ardbegs zu den Lieblingswhiskys zählten und man in Dänemark ja auch genügend Torf hatte, um das zu versuchen.

Also machte man das. Im Herbst 2006 begann man zu destillerien – und wie es der Zufall so will, kamen die ersten Versuche irgendwie in die Hände von Jim Murray – und er zu Besuch. Sein mit banger Miene erwartetes Urteil über den New Make der Selfmade-Brenner: Das Destillat erinnerte ihn an die alten Ardbeg Newmakes. Und weiter:

People who love smoked whisky would kill their own mothers to get their hands on a bottle like this. This could go on to be one of the best smoked whiskies in the world if you carry on like this.

Da hatte man einerseits viel Lob und andererseits eine hohe Messlatte gelegt bekommen, besonders für eine Gruppe Leute, die weder viel Erfahrung mit dem Brennen noch viel Geld hatte. Um genauer zu sein: wenig bis gar kein Geld. Dennoch wollte man – auch ob des Lobes – expandieren, denn die 200 bis 400 Liter, die man jährlich auf der kleinen Brennblase brennen konnte, waren dann doch nicht genug für die Ambitionen, die man hegte.

Also suchte man ein Gebäude für die neue Destillerie, die man mit 6000 bis 8000 Liter plante – und fand es in einem alten Bauernhof etwas außerhalb von Stauning. Lange redetet man mit Banken, erzählt Alex, bis man endlich eine fand, die das Risiko einging, Whiskyproduktion in Dänemark zu unterstützen.

Sparen war dennoch angesagt, und man nutzte das, was man im Bauernhof vorfand – zum Bespiel eine Selchkammer, um dort die Keimung des Getreides mit Torfrauch zu stoppen und so den rauchigen Geschmack für den eigenen Whisky zu bekommen:

Diente zum Trocknen des Getreides mit Torfrauch: Eine alte Selchkammer im Schlachthof bei Stauning. Bild © Whiskyexperts 2019
Unter den Holzlatten wurde der Torfrauch eingeblasen, der das Getreide trocknete. Bild © Whiskyexperts 2019

Schon damals richtete man so etwas wie ein Besucherzentrum ein, in dem man auch den Whisky verkosten konnte (heute, so viel vorweg, ist die gesamte alte Brennerei das Besucherzentrum).

Hübsch hergerichtet: Ein Raum im Besucherzentrum bei Stauning. Bild © Whiskyexperts 2019

Hier noch ein genauerer Blick auf das Ausstellungsstück, das die Reifephasen der ersten 12 Monate und die damit einhergehende Färbung des Whiskys zeigt:

Im Besucherzentrum der Stauning Destillerie. Bild © Whiskyexperts 2019

Kommen wir aber nochmals aufs Geld zu sprechen, oder besser gesagt: Auf dessen Absenz. Not macht erfinderisch, und der Erfindungsreichtum ist vielleicht das größte Kapital von Stauning und etwas, das später zu einer eigentlich fast unglaublichen Entwicklung führte. Was bei Stauning nämlich aus Geldmangel, Erfindungsgeist und dem Zulassen unkonventioneller Ideen entstand, wollen wir uns an zwei Beispielen ansehen:

Werfen wir zunächst einmal einen Blick in den Hauptraum der alten Brennerei von Stauning:

Früher war das ein Stall, dann wurde hier Getreide gekeimt. Und jetzt gibt es hier Verkostungen. Bild © Whiskyexperts 2019

Landkinder werden hier unschwer den Stall erkennen, aber bei Stauning nutzte man diesen Raum als Mälzboden, um das Getreide zum Keimen zu bringen. Wer ein wenig über den Arbeitsablauf dafür Bescheid weiß, der weiß auch, dass man das Getreide dazu immer wieder wenden und umschaufeln muss. Das sieht sehr pittoresk aus, ist aber rückenknackende Knochenarbeit. Es erfordert viel menschliche Arbeitskraft. Die kostet.

Bei Stauning dachte man darüber nach, ob man das auch automatisieren könnte. Und erfand eine Maschine, die genau das tut:

Eine Erfindung der Stauning-Destillerie: Der Getreidewender. Bild © Whiskyexperts 2019

Dieses Ding fährt durch das aufgebreitete, zu keimen beginnende Getreide und schaufelt es mit den Fingern um. Schneller, besser und vor allem günstiger als das ein Mensch kann. 

Eine Erfindung der Stauning-Destillerie: Der Getreidewender. Bild © Whiskyexperts 2019

Alex erzählt uns, dass man Besuch aus einer schottischen Brennerei hatte, und dass dem Distillery Manager förmlich die Kinnlade zu Boden fiel, als er die Maschine bei der Arbeit sah. So etwas hatte er nicht für möglich gehalten.

Ein verbessertes Exemplar der Maschine ist in der neuen Brennerei in mehrfachem Einsatz – dazu aber im zweiten Teil unseres Berichts.

Beispiel Nummer zwei ist ebenfalls der Geldnot geschuldet: Ein Mashtun, der aus einer alten Nerzhäutemaschine (kein Scherz) gebaut wurde.

Ein Mash tun der alten Destillerie. Er ist aus einer Maschine gebaut, die dafür verwendet wurde, das Fell von Nerzen vom Körper zu lösen und zu waschen. Bild © Whiskyexperts 2019

Einer der Gründer hatte nämlich früher auf einer Nerzfarm gearbeitet und sich dieser Maschine erinnert, die alle Eigenschaften besaß, als Mash Tun zu funktionieren.

Ein Blick ins Innere des Mash Tuns. Bild © Whiskyexperts 2019

Wie funktioniert das? Alex erklärt es:

Der „Mash Tun“ steht zusammen mit den alten Brennblasen von Hoga nun im Hauptraum des Besucherzentrums von Stauning, dort wo früher produziert wurde und den man durch den Haupteingang betritt:

Die alten Brennblasen der Stauning-Brennerei. Bild © Whiskyexperts 2019

Mit diesen Brennblasen produzierte man nach dem Umzug in den Bauernhof seit 2009 hier Whisky, vornehmlich Rye Whisky, denn der Roggen ist in der Gegend stark vertreten (und Stauning produziert von Anfang an bis jetzt ausschließlich mit regionalen Zutaten).

Am 30. Juni 2012 wurde dann endlich der erste eigene Whisky in die Flasche gefüllt – mit großem Erfolg bei Whiskyfreunden und der Fachpresse.

Einige Whiskysorten, die bei Stauning produziert werden, im Besucherzentrum von Stauning. Bild © Whiskyexperts 2019

Im Frühjahr 2013 geschah dann das zuvor erwähnte völlig Überraschende: Bei Stauning, dieser kleinen und etwas anderen Brennerei an der dänischen Westküste, erhielt man einen Anruf von Diageo und wurde zu einem Meeting nach Kopenhagen eingeladen. Dort erfuhr man vom Wunsch des Getränkegiganten, sich an Stauning zu beteiligen. Man wollte sich seitens Diageo nicht nur an der Produktion, sondern vor allem an den Innovationen und der Unkonventionalität bei Stauning beteiligen.

Bei Stauning wollte man diese Chance nutzen, aber nicht das Heft aus der Hand geben. Zwei Jahre dauerte es, bis die Verhandlungen abgeschlossen waren, aber 2015 wurde dann die Minderheitenbeteiligung (25%) von Diageo an Stauning fixiert – wie Alex erzählt, unter Garantie der Eigenständigkeit der Brennerei und dessen Führungsteam. 

2016 begann man dann, gemeinsam mit Diageo, eine neuerliche Erweiterung der Kapazität zu planen und eine neue Brennerei gleich nebenan zu bauen. Die Pläne waren ambitioniert: sie sollte eine Kapazität von 900.000 Litern haben.

Pläne der neuen Stauning Destillerie. Bild © Whiskyexperts 2019
Pläne der neuen Stauning Destillerie. Bild © Whiskyexperts 2019

Und wenn man im Besucherzentrum aus dem Fenster blickt – kann man sie nach ihrer Fertigstellung 2018 sehen:

Blick aus dem Fenster des Besucherzentrums bei Stauning. Bild © Whiskyexperts 2019

So wurde aus dem kleinen Hobbyunternehmen nach und nach eine Brennerei, die in der Größe bald mit so manchem Schotten mithalten kann. Dem neuen Teil der Brennerei und ihren wunderschönen 24 Brennblasen widmen wir uns im zweiten Teil unseres Berichts. Teil 3 finden Sie dann hier.

Disclaimer im Sinn unserer Redaktionsrichtlinien: Unser Aufenthalt bei stauning wurde von  Kirsch Whisky, dem deutschen Importeur organisiert und finanziert. Das Unternehmen hatte keinerlei Einfluss auf die Gestaltung des Beitrags.