„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“ – Ardbeg „ROH“

Ich vertrete stets die Meinung – und denke damit nicht alleine dazustehen – dass für ein gutes Produkt, sei es eine Speise, ein gekochtes Gericht, ein einfaches Grundnahrungsmittel oder ausgefallene Kreation, flüssige Schätze oder eben besonders ein Single Malt, jeder einzelne Schritt des Weges, jede Komponente höchste Ansprüche stellen und erfüllen muss.

Verwende ich leicht fauliges Obst für einen Edelbrand, wird man auch nach Jahren noch die Fehltöne erkennen, kaufe ich semi-originelle Fleischwaren und lasches Gemüse im Supermarkt, wird der Sonntagsbraten kein Festmahl. Ist der new make einer Destillerie nicht an sich von hervorragender Qualität und Finesse, helfen auch jahrzehntelange Reife und Fassfinishes nicht.

Nun ist es zugegebenermaßen eine seltene Freude, verkostungstechnisch auch etwas ungewöhnlich und trainingsintensiv, wenn man das frische Destillat mit oft knackigen Alkoholgradationen in den hohen 60ern degustieren möchte. Die Produzenten geben zuweilen nicht gerne ihre klaren spirits her, und dem Whiskytrinker offenbart sich im Glas ein rohes, pures, frisches Erlebnis, das garantiert nicht jedermann und -fraus Geschmack ist.

Besonders die Whiskys der Insel Islay spielen mit den Sentiments und Ressentiments der Genießer, so mancher meint „man liebt oder hasst sie“, jedenfalls hat man Gesprächsstoff über einem Dram. Einen derartigen Kraftlackel dann einmal in seiner urtümlichsten Form neu kennenzulernen, hat ganz klar seinen Reiz. Wie rauchig, torfig ist so ein new make, bevor das Fass und die Lagerung ihren Eindruck hinterlassen? Wo ist die Gerste zu finden? Wie kann man, wenn man auch das spätere Single Malt Pendant kennt, die Interaktion zwischen Holz und Destillat interpretieren? Viele Fragen, deren Antwort man hier langsam im Duft und im Geschmack erahnen kann.

Spirit Safe von Ardbeg - hier kommt der New Make heraus. Foto von Ayack, CC-Lizenz
Spirit Safe von Ardbeg – hier kommt der New Make heraus. Foto von Ayack, CC-Lizenz

Ein degustatorischer Einblick in die Rohvariante Ardbegs: Ardbeg New Make 69,5% Vol. Alkohol

Nase: Leder, Buttertoffee, fette Komponenten, ölig sogar schon in der Nase, die Textur ist fast riechbar, hier schlummert etwas ganz ganz Tiefes, eine Erinnerung an erdig ungestüme Mezcals kommt auf, phenolisch, ein – man verzeihe die Diktion – Tier!!, dann kommen Zitrusnoten, Orangen, frischer Saft und feine Raspel der Schale, Zitrone, wieder das Karamell, getreidig im Hintergrund, Fenchelsamen, Gewürze spielen mit in dem Ensemble, unglaublich komplex ist der Eindruck, druckvoll, die Entwicklung mit Zeit ist fesselnd und vielschichtig, Zimt und Koriandersamen. Dass Wasser dem Eindruck der Nase sehr wohl bekommt, sei hier noch ergänzend erwähnt

Gaumen: BUMM! Was für eine Wucht, die hier über den Gaumen rollt, eine Dichte und Fülle, breit und cremig anmutende Textur, dann ist auch die Frucht gleich wieder da, die Orange, dazu kommt diesmal Grapefruit, pink wie weiß, auch die spicy notes lassen nicht auf sich warten, Zimt, Macis, auch Zimtblüte, etwas Kakao dann, und eine schwarze, steinige Anmutung, Schiefer, Kalk, rauchig und torfig. Ja klar, möchte man denken, aber sehr fein in Balance mit den restlichen Komponenten, weniger „Torfwucht“, als so mancher Islay Freak vielleicht vermuten möge

Finish: der Abgang ist von immenser Länge, Macis, Rosmarin, frischer Salbei, cremig buttrige Süße, mit Zeit dann Dulce de Leche, Honigmilch, Vanillecustard und die Gewürzakzente von Nelke und Piment, und er bleibt und bleibt und bleibt

Alles in Allem: wer hätte gedacht, dass ein new make so fantastisch im Glas auftreten würde? Die Qualität, Intensität, die Länge, Fülle und Komplexität dieses nein, nicht Whiskys, sind faszinierend und fesselnd. Dazu trinkt sich der Ardbeg new make trotz seiner alkoholischen Stärke so leicht, seidig und samtig, dass es schon fast Angst macht. In einer Reihe mit Granden des Ardbeg Portfolios, zeigt dieses klare Destillat ganz gehörig auf, spielt mit seinen Muskeln und steht seinen gereiften Geschwistern um nichts nach. Ein Erlebnis der Spitzenklasse!

Mit den besten Spirits,
Reinhard Pohorec

 


Über unser Ratingsystem:

Wir vergeben 0-5 Sterne in drei Kategorien: Nase, Gaumen, Finish

Die Gesamtnote ergibt sich aus dem Mittelwert dieser drei Kategorien. Unsere Skala geht von 0-5 Sternen und ist nicht mit dem Wertungssystem xx/100 vergleichbar. Sie kann so interpretiert werden:

0-1 Stern: Furchtbar. Nur äußerlich anwenden.

1-2 Sterne: Enttäuschend. Aber vielleicht kann man damit die Gäste zum Gehen bringen.

2-3 Sterne: Geht so. Kann man trinken. Muss aber nicht.

3-4 Sterne: Gut. Macht man gerne immer wieder mal auf.

4-5 Sterne: Sehr gut. Daumen hoch. Ab 4.5 Sternen: Spitzenklasse. Vor diesem Whisky verbeugt man sich.

Wichtig: Wir haben Geschmack. Unseren. Nicht Ihren. Unsere Verkostungsnotizen sind kein richterliches Urteil. Darum haben wir bei unseren  Reviews auch die Möglichkeit vorgesehen, dass unsere Leser selbst werten können. Machen Sie Gebrauch davon, falls Sie den Whisky schon probiert haben!