Es sind Meilensteine des Erfolgs: 2004 BenRiach, 2006 Newbridge, 2008 GlenDronach, 2013 Glenglassaugh. Billy Walker feiert das zehnjährige Jubiläum eines neuen schottischen Whisky-Konzerns. Unser Redakteur Ernie – Ernst J. Scheiner sprach mit dem Master Blender und Director Billy Walker.

Billy Walker genießt den Erfolg. Er hat nicht nur eine gute Blender-Nase, sondern auch ein Gespür für wirtschaftlichen Erfolg, da er Tendenzen in der Whisky-Industrie bereits im Anfangsstadium erkennt. Fotorechte bei Ernst J. Scheiner
Billy Walker genießt den Erfolg. Er hat nicht nur eine gute Blender-Nase, sondern auch ein Gespür für wirtschaftlichen Erfolg, da er Tendenzen in der Whisky-Industrie bereits im Anfangsstadium erkennt. Fotorechte bei Ernst J. Scheiner

Die Vorgeschichte

Welch eine Tragödie! Kaum in Betrieb, erkalteten die Brennblasen bereits nach zwei Jahren wieder. Sie sollten bis weit in die 1960-er Jahre ruhen. John Duff, einer der Besitzer der Speyside Distillery Longmorn, hatte große Pläne und hohe Gewinnerwartungen. Mit Longmorn II (später Ben Riach-Glenlivet, Benriach und seit 2004 BenRiach genannt) wollten die Investoren – darunter die Grants of Dufftown – am schottischen Whisky-Boom der 1890er Jahre teilhaben. 1898 erweiterten sie ihre Kapazitäten, bauten neue Malzböden, eine neue Destillationsanlage, neue Lagerhäuser und sogar eine Eisenbahn, die ihre vor den Toren der ehemaligen Bischofsstadt Elgin liegenden Malt-Distilleries miteinander verband.

Im Dezember des gleichen Jahres flog der Betrugsskandal um die Whisky-Broker Pattison, Elder & Co. aus Leith bei Edinburgh auf. Die Pattison-Brüder Robert und Walter hatten Whisky-Lieferungen in großem Umfang nicht bezahlt und damit einen Großteil der um 1890 gegründeten vierunddreißig Brennereien in den Ruin getrieben. Auch Longmorn II musste seine Pforten wieder schließen. Allerdings konnten die Malzböden weiter betrieben werden. Ein Gersten-Destillat sprudelte aber erst wieder im Jahre 1966 zu Beginn eines neuen Whisky-Booms in Schottland.

Die neuen Eigentümer The Glenlivet Distillers Ltd. hatten das von dem berühmten Brennerei-Architekten Charles Chree Doig aus Elgin geschaffene viktorianische Still House abgerissen und eine neue Anlage im nüchternen Beton-Stahl-Stil der 1960-er Jahre errichtet. In drei kupfernen Brennblasen destillierten die Stillmen ihren Malt Spirit sowohl zweifach als auch dreifach. Ab 1972 verarbeiteten sie sogar in der Speyside erstmals wieder ein Gerstenmalz, das in ihrem eigenen Kiln einen kräftigen Rauchcharakter ausgebildet hatte.

Nach einem erneuten Besitzerwechsel erweiterte Chivas Brothers-Seagram Ltd. die Brennerei 1985 auf vier Pot Stills und erreichte eine Jahreskapazität von 2,8 Millionen Liter reinen Alkohol. Eine weitere Übernahme durch den französischen Getränke-Konzern Pernod-Ricard im Jahre 2001 hatte die Einstellung der Produktion im darauf folgenden Jahr zur Folge. BenRiach wurde eingemottet.

Benriach, der Hirsch mit dem roten Geweih

„Als wir 2004 BenRiach erwarben, war das wie die Öffnung der Höhle von Alladin, wundervolle Preziosen, fantastische Schätze warteten auf uns,“ schwärmt Director und Master Blender Billy Walker, „damals war BenRiach eine fast unbekannte Marke. Wir haben sie in den vergangenen zehn Jahren neu interpretiert. Heute ist BenRiach eine Boutique Distillery.“

Die Destillerie BenRiach. Fotorechte bei Ernst J. Scheiner
Die Destillerie BenRiach. Fotorechte bei Ernst J. Scheiner

Wie so oft kamen einige günstige Umstände zusammen. Seine langjährige Tätigkeit als Master Blender bei Burn Stewart – Bunnahabhain, Deanston, Tobermory – endete 2003 mit dem Verkauf der als Aktiengesellschaft geführten Brennerei an eine Investorengruppe aus Trinidad. Walker hielt einen bescheidenen 3% Aktienanteil an Burn Stewart. Zu seinen Aufgaben gehörte die Vermarktung des in Südafrika beliebtesten schottischen Blended Whiskys Scottish Leader. Regelmäßige Werbereisen hatten ihn mit den ebenfalls in der Getränkewirtschaft tätigen Südafrikanern Geoff Bell und Wayne Kieswetter zusammen geführt. Aus dem geschäftlichen Kontakt entwickelte sich über die Jahre ein freundschaftlicher. Nach seinem Ausscheiden bei Burn Stewart wurden die südafrikanischen Partner zu Schlüsselfiguren für eine neue Geschäftsidee.

„Für mich kam eine Frühpensionierung nicht in Frage. Ich konnte mir nicht vorstellen meine Zeit auf dem Golfplatz zu verbringen. Wir erahnten einen neuen Aufschwung in der schottischen Whisky-Industrie. Wir wollten dabei sein, mitwirken, mitgestalten,“ erzählt der eingefleischte Season-Ticket-Holder der Glasgow Rangers. Die Partner erkannten, dass ihnen in dieser Situation nur der Erwerb einer schottischen Distillery eine Chance auf wirtschaftlichen Erfolg bieten konnte. „Der Zeitpunkt war ideal. BenRiach war eingemottet und hatte damals für Chivas keine Bedeutung mehr. Wir besichtigten einige Brennereien, aber BenRiach war ohne Frage für uns die beste Wahl, schon alleine wegen der Lage.“

Für günstige 5,4 Millionen Pfund (heute 6,75 Millionen Euro) kauften die beiden Südafrikaner und der Schotte die Speyside Brennerei, den Hirsch mit dem roten Geweih. Es war ein Schnäppchen, denn in den Warehouses lagerten viele volle Fässer mit reifen Whiskys, die von 2002 bis ins Jahr 1966 zurückreichten.

„Das war für uns eine Riesenüberraschung. Als wir die ersten Fässer öffneten waren wir überwältigt von ihrer Qualität, es war fantastisch,“ berichtet der aus dem Ballantines-Zentrum Dumbarton stammende Walker, „es waren sogar viele Fässer mit rauchigen Whiskys darunter.“ Daher war es kein Wunder, dass nur wenige Monate nach der Übernahme die ersten stark getorften BenRiach Whiskys unter dem Label Curiositas die Whisky-Welt in Begeisterung versetzten. Nur wenige kannten den seit 1994 am Markt ein Schattendasein fristenden zehnjährigen Benriach Single Malt. Daher machten ab 2004 die 12-, 16-, 20-, 25- und 30-jährigen Abfüllungen Furore. Namen wie Arumaticus Fumosus, Heredotus Fumosus, Maderensis Fumosus, Septendecim oder Authenticus wurden in Kennerkreisen anerkennend gewürdigt. Billy Walkers Cask-Finishes, die Nachreifungen in Port-, Pedro Ximenez- oder Rum-Fässern sowie die Einzelfassabfüllungen oder die dreifach gebrannten Malts Horizons manifestierten die Sonderstellung der Brennerei in der Speyside. Selbstverständlich waren alle Distillery Releases durchgängig weder mit E150a (Zuckerkulör) gefärbt noch kühlgefiltert und die Standard-Bottlings mit 46 % vol. abgefüllt – ein Novum in der Geschichte der schottischen Whisky-Industrie. So war es nicht verwunderlich, dass BenRiach 2007 die Titel Distillery of the Year und 2009 Distiller of the Year verliehen wurden.

Einen guten Riecher hatte Billy Walker mit dem Erwerb von Benriach. Die Lager waren voll mit reifen Whiskies. Fotorechte: Ernst J. Scheiner
Einen guten Riecher hatte Billy Walker mit dem Erwerb von Benriach. Die Lager waren voll mit reifen Whiskies. Fotorechte: Ernst J. Scheiner

„Mit dem Vestige füllten wir einen 46-jährigen Malt ab, der am 21. September 1966 destilliert wurde. Nur 62 Flaschen mit der natürlichen Fassstärke von 44,1 % vol., die aus einem Hogshead stammten, kamen auf den Markt. Ihre einwandfreie Qualität ist ein Beleg für die große Sorgfalt der früheren und jetzigen ‚Verwalter’ der Brennerei.“

Der Chemiker erlernte das Whisky-Handwerk in seiner nördlich von Glasgow gelegenen Geburtsstadt Dumbarton. Er hatte Glück. Trotz seiner Working-Class-Herkunft – der Vater war als Schmied bei einer der letzten Werften des Ortes tätig, die gälisch sprechende Mutter entstammte einfachen Verhältnissen aus Strontian in Ardnamurchan – konnte er an der renommierten University of Glasgow organische Chemie studieren. Seinen ersten Job erhielt er in einem pharmazeutischen Betrieb, der Antibabypillen produzierte. Whisky, das war für ihn zunächst kein Thema.

„Meine Freunde arbeiteten bei Ballantines, es waren diese Beziehungen, die mir den Einstieg in die Whisky-Industrie ermöglichten. Ballantines war für mich der ideale Lernort, einfach fantastisch, dort lernte ich jeden Schritt der Produktion kennen, von der Maische, der Gärung, der Destillation, der Reifung, dem Blenden bis hin zur Abfüllung,“ erzählt der Neunundsechzigjährige. Seine damaligen Lehrmeister waren die Master Blender Jack Goudy und Robert Hicks. Von ihnen lernte er „Disziplin und Respekt.“ Eigenschaften, die den in den Lowlands auf einem Bauernhof lebenden Walker bis heute auszeichnen.

Glendronach, das Tal der schwarzen Beeren

„Als Geoff, Wayne und mir bewusst wurde, dass GlenDronach zu erwerben war, waren wir uns zunächst nicht sicher, ob wir diesen Kauf mit unseren Mitteln finanzieren konnten aber Chivas (die Eigentümer) waren wohl sehr beeindruckt davon, was wir bis dahin mit BenRiach erreicht hatten,“ beschreibt der Power-Walker Billy die Ausgangssituation, „die Verantwortlichen bei Chivas waren wieder einmal sehr nachsichtig und zuvorkommend, denn für uns war es eine hervorragende Akquisition. GlenDronach, das war tatsächlich ein schlafender Gigant.“

Anfänglich wurden Teile der Spirit-Produktion, wie vertraglich vereinbart, an Chivas Brothers für ihre Blends Chivas Regal und Royal Salute abgetreten, aber heute ist das nicht mehr der Fall: „Wir können daher die Marke GlenDronach zukünftig besser entwickeln.“ Dankbar ist Walker den „Big Boys“, Chivas Brothers (Teil von Pernod-Ricard) und Diageo (Johnnie Walker, White Horse u.a.) denn diese hätten für eine weltweite positive Rezeption des schottischen Whiskys sehr viel getan, insbesondere die kleinen Produzenten würden von ihrer starken Marktpräsenz „prächtig profitieren.“

Die Destillerie Glendronach.  Bildrechte bei Lars Pechmann.
Die Destillerie Glendronach. Bildrechte bei Lars Pechmann.

Etwas unheimlich sei ihm der problemlose Erwerb der 1826 gegründeten GlenDronach Distillery schon vorgekommen. Für viele der Beteiligten sei die East Highland Distillery in Aberdeenshire kein Begriff mehr gewesen. „Sechs Jahre war sie eingemottet (1996-2002), ihre Whiskys waren nicht mehr im Bewusstsein, GlenDronach wurde zur isolierten Randfigur.“ Der mehrmalige Besitzerwechsel sei darüber hinaus abträglich für die Erhaltung der Marke GlenDronach gewesen, selbst die Wiederaufnahme der Produktion im Mai 2005 habe daran nichts geändert: „Andere Marken standen damals im Fokus der Marketingstrategen, die Manager wandten sich von den Sherry-betonten Whiskys ab…It was terrific for us.“

In der Tat war es für das Trio Bell, Kieswetter, Walker keine schwierige strategische Entscheidung. Es fiel ihnen nach der Übernahme 2008 leicht, den Single Malt von GlenDronach wieder als den schottischen Sherry-Whisky zu etablieren. Der einzige Mitbewerber in diesem Marktsegment ist die familiengeführte, ebenfalls unabhängige Glenfarclas-Brennerei in der Speyside.

Brennblasen von Glendronach. Bild von Akela NDE, CC license
Brennblasen von Glendronach. Bild von Akela NDE, CC license

Ein absolutes Highlight in der Geschichte GlenDronachs war 2013 Billy Walkers Abfüllung eines 44-jährigen Single Malts, der seit dem 24. September 1968 in einem Oloroso-Sherry-Butt (500 Liter) aus Andalusien herangereift war. Seine intensive Suche nach einem Ausnahmewhisky war der sprichwörtliche Namensgeber für diesen bisher ältesten GlenDronach Whisky Recherché. Sehr schonend gefiltert wurden nur 632 Flaschen mit der natürlichen Fassstärke von 48,6 % vol. abgefüllt. „Der mysteriöse Brennerei-Gründer James ‚Cobbie’ Allardice hätte sicherlich seine Zustimmung zu diesem Single Malt gegeben.“

Glenglassaugh, das Tal des grau-grünen Ortes

„Was habe ich nur getan,“ fragte sich der von Glenmorangie kommende neue Distillery Manager Graham Eunson, als er im Frühjahr 2008 im Still House von Glenglassaugh stand, in dem seit zweiundzwanzig Jahren kein Gersten-Spirit mehr gebrannt worden war. Die in Portsoy an der Nordseeküste gelegene Distillery, 1875 gegründet, wurde zu neuem Leben erweckt. Nach dem alsbaldigen Ausscheiden von Eunson übernahm der Managing Director Stuart Nickerson auch die Leitung der Produktion. Der erfahrene Whisky-Fachmann etablierte Glenglassaugh in kurzer Zeit zu einem beliebten Hotspot der Whiskyfreunde. Mehr als 700 Friends of Glenglassaugh erwarben ihren persönlichen Whisky abgefüllt in Octaves (50 Liter Fassungsvermögen). Der Unternehmer Walker betont wie wichtig ihm diese besonderen Whisky-Freunde sind: „Sie sind diejenigen, die eine Marke machen.“

Destillerie Glenglassaugh.  Bildrechte bei Lars Pechmann.
Destillerie Glenglassaugh. Bildrechte bei Lars Pechmann.

Die ersten Spirit-Abfüllungen The spirit drink that dare not speak its name oder The spirit drink that blushes to speak its name überraschten und fanden bei den Whisky-Freunden eine wohlwollende Aufnahme und führten die Marke Glenglassaugh wieder in deren Bewusstsein.

Im März 2013 war eine weitere Überraschung perfekt. Die mit zwei Pot Stills destillierende Brennerei wurde Teil des kleinen, aber feinen Walker-Imperiums. „Wir wollten unsere Wettbewerbsfähigkeit stabilisieren, aber es wurde eine schwierige Entscheidung, denn die Preise für Brennereien hatten mittlerweile stark angezogen.“ Wieder hatte Billy Walker das Glück des Tüchtigen. Die Glenglassaugh-Investoren waren unruhig, hatten sie sich doch eine schnelle Verzinsung und eine hohe Steigerung ihrer Erträge erhofft. „Ihnen war nicht bewusst, dass man im Whisky-Geschäft einen langen Atem haben muss, Investitionen amortisieren sich erst nach langer Zeit. Sie waren einfach nervös.“

Von März 2011 bis August 2014 war Mhairi McDonald für die Produktion verantwortlich (links). Gerne führte die an der Heriot-Watt University ausgebildete Chemikerin Ernie's Gruppen. Foto: Ernst J. Scheiner
Von März 2011 bis August 2014 war Mhairi McDonald für die Produktion verantwortlich (links). Gerne führte die an der Heriot-Watt University ausgebildete Chemikerin Ernie’s Gruppen. Foto: Ernst J. Scheiner

Für Walker und seine südafrikanischen Partner stellte die Übernahme Glenglassaughs kein Risiko dar. Die Premium-Whiskies fügten sich sehr gut in das BenRiach-GlenDronach Portfolio ein. Die Stuart-Nickerson-Kreationen Revival, Evolution oder die Reihen The Chosen Few und The Massandra Collection hatten weltweit großes Aufsehen erregt.

In den Lagerhäusern schlummert ein wahrer Schatz. Rund 500 alte Fässer gefüllt mit Whiskys aus den Jahren 1968 bis zur Schließung 1986 warten auf ihre Entdeckung: „Das ist ein absolut fantastisches Kapital,“ schwärmt Walker. Derzeit beeindruckt der Master Blender die Whisky-Gemeinde mit seiner Glenglassaugh Single Cask Batch 1. Es handelt sich um acht Whiskies aus den Jahren 1968, 1972, 1973, 1975, 1978 und 1986, die in Sherry-Fässern – darunter Oloroso-Butts, Oloroso-Hogsheads und ein sehr seltenes Manzanilla-Puncheon -, in einem Portweinfass oder einem ehemaligen Muskateller-Hogshead ausgebaut wurden.

Glenglassaugh Whiskys haben für Billy Walker ein großes Entwicklungspotential. Das zeigt sich sehr eindrucksvoll mit seinem ersten stark rauchigen Glenglassaugh-Vatting, dem Torfa, der im April 2014 in die Regale kam.

Angesichts solcher Zukunftsperspektiven liegt der Ruhestand dennoch in weiter Ferne.

Auf mehr als vierzig Jahre Whisky-Erfahrung zurückblickend resümiert der passionierte Whisky-Macher Billy Walker zufrieden:

„Life has been kind to me.“

Das Interview mit Billy Walker führte „Ernie“ – Ernst J. Scheiner im April 2014. Mehr Informationen über die Brennereien BenRiach, GlenDronach, Glenglassaugh finden Sie auf seiner Webseite „The Gateway to Distilleries“ www.whisky-distilleries.net

BenRiach Distillery: http://www.whisky-distillery.net/www.whisky-distilleries.net/Speyside_A-F/Seiten/BenRiach.html

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Whiskymagazins The Highland Herold http://www.highland-herold.de