Donnerstag, 24. Juni 2021, 08:16:30

Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland von Uli Franz (Folge 7)

Über 1500 Kilometer zu siebzehn schottischen Brennereien

Wir freuen uns, Ihnen jeden Sonntag ein Stück einer wunderbaren Geschichte über Schottland, Whisky und das Reisen vorstellen zu dürfen: Exklusiv im Vorabdruck präsentieren wir Ihnen Whisky Cycle, das neueste Buch von Uli Franz.

Uli Franz lebt als Schriftsteller im Chiemgau und auf der dalmatinischen Insel Brac’. Von 1977-80 arbeitete er als Zeitungskorrespondent in Peking. Über China und Tibet veröffentlichte er zahlreiche Bücher. Zuletzt erschienen Radgeschichten und „Die Asche meines Vaters“ (Rowohlt Verlag).

Das Buch Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland (ca. 320 Seiten)  erscheint am 01.02.2021 im Alba Collection Verlag GbR. Es kann bis zum 20.01.2021 zum Einführungspreis (Subskriptionspreis) von 16,- Euro hier vorbestellt werden.

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Die Radtour zu 17 schottischen Destillerien. Karte von Alba Collection

-hier geht es zur Folge 6-

Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland von Uli Franz (Folge 7)

Der Rundgang bei Lagavulin ging nun rasch zu Ende. Das Brennhaus durchliefen wir im Eilschritt, vorbei an vier gewaltigen Brennblasen. Schon wollte ich protestieren, warum wir an den hoch aufragenden kupfernen Skulpturen nicht verweilten! Doch als ich bemerkte, dass unser Guide mehrmals verkniffen auf die Uhr schaute, vermutlich weil wir über den Erklärungen und Fragen aus dem Zeitfenster gefallen waren, hielt ich den Mund und sagte mir, du wirst in den nächsten Wochen noch viele Brennhäuser besuchen können. Auch in die Schatzkammer, in das riesige Lagerhaus mit dem himmlischen Duft aus Tausenden ruhenden Fässern, durften wir nicht einmal einen flüchtigen Blick werfen. Keiner murrte, die Gruppe fügte sich, so dass wir uns nach der halbstündigen Tour im Verkostungssaal an einem ehrwürdigen Eichentisch wiederfanden.

Lagavulin vom Meer aus gesehen. Bild: Whiskyexperts

Der Raum mit rauchgeschwärzten Ölgemälden, einer Sesselgarnitur im Stil von Chippendales und einer Mahagoni-Anrichte, wo edle Whiskys unter Verschluss gehalten wurden, war altbelassen und ließ erahnen, dass hier bereits im Jahr 1816 der Gründer John Johnston sein Erzeugnis am Kaminfeuer verkostete und an dessen Trinkqualität feilte. Wie in diesem Raum mit dem ausgetretenen Dielenboden war die Gründerzeit noch allerorts präsent und als unser Guide den Namen „Lagavulin“ auf seinen Ursprung zurückführte, auf die uralte Sprache der Goidelen, dem mythischen Volk der Kelten, und ihn mit „Mulde, in der die Mühle steht“ übersetzte, nickten wir andächtig und alle waren gespannt auf die anstehende Verkostung.

Nicht unbedingt durstig, aber erwartungsvoll, ergriff jeder der Gruppe, zu der auch ein schweigsamer Chinese gehörte, ein Tasting Glas, in dem sich ölig ein erstaunlich dunkler Malt wiegte. Zwei Editionen standen bereit: die erste war eine Distillers Edition, die in Ex-Bourbonfässern über zehn Jahre gelagert und anschließend ein dreimonatiges Finish in Pedro Ximenez Sherry Fässern erhalten hatte. Zwar fehlte auf der Flasche die Jahresangabe, dafür erfuhren wir, dass diese Kostprobe 43 % vol. Alkohol enthielt.

Wie zu erwarten, bestürmten torfige und rauchige Noten die Nase und hinterher rüttelte auch noch eine Prise bitteres Salz am Nasendach. Nur zwei Schnüffler später grüssten Aromen von Rosinen und Trockenfrüchten und verabschiedeten den medizinischen Geruch von Rauchspeck und Klebstoff, der nun nur noch unterschwellig zu riechen war. Der erste Schluck schmeckte trocken und bitter, doch kaum, dass er sich mit dem Gaumen angefreundet hatte, traten versöhnliche Töne von Karamell und geröstetem Malz aus dem Hintergrund hervor. Dann, beim Kauen, tat sich wieder was: Zitrone wechselte mit Rosinensüße und ließ die heiße Landschaft von Andalusien erahnen. Angenehm bitzelnd passierte er den Gaumen, anhaltend, gar träge ging der Schluck in den Abgang über und überraschte hier wieder mit viel Karamell. Der Lagavulin räumte meine Skepsis beiseite, meine kleine Angst vor dem speckigen Rauch. Ja, sein Torfgeschmack verhielt sich wie ein Kavalier, der niemals einer Dame auf die Füße treten würde. Und auch das Feuer im Abgang hielt sich in Grenzen und – wirklich, der Spruch auf dem Etikett „Time Takes out the Fire but leaves in the Warmth“ erwies sich nicht als hohle Phrase.

Nun gut, der Torfwhisky war immerhin sechzehn Jahre gereift und vor der Abfüllung auf 43 % vol. herunter verdünnt worden. Dem formidablen Alter seiner Reifung war es letztlich zu verdanken, dass der Alkohol den Schlund nicht verbrannte, sondern angenehm wärmte. Was den Gesamteindruck anging, zeigte er mir einen zu flachen Spannungsbogen, zu wenig Dynamik in der Dualität von bitter und süß. So belegte ich ihn im Resultat mit drei Stützrädern.

Nach einer kurzen Pause für Notizen widmete ich mich der zweiten Kostprobe: Distillers Exclusive Edition mit 54 % vol. aus dem Abfülljahr 2017. Der erste Schnüffler verpasste mir einen Nasenstüber, so heftig stieg mir ein Cocktail aus Patex, Teer und Nagellackentferner in die Nase. Der Grund: saure Phenole. Durch das Dörren der gekeimten Gerstenkörner über dem Torffeuer finden diese Phenole zusammen mit weiteren achtzig aromarelevanten Substanzen den Weg in das Malz und sorgen im Guten wie im Schlechten für einen ausladenden Fächer an Aromen.

Jetzt nur noch schmecken! Leichter gesagt, als getan, denn zwischen Nasendach und Mundraum gibt es eine gutgemeinte, organische Verbindung. Der erste Tropfen an der Zungenspitze war versöhnlich milde, geradezu weich wie Seide. Zwar fehlte ihm nicht der Rauch, aber das Grimmige von Klebstoff und Teer. Wenig später schwebten über dem Gaumen nur noch einige Rauchschwaden von Torffeuer, dafür dockten Früchte an: Vanille im Überfluss, exotische Pampelmuse, Zitrone und Limette, auch Schokolade und im Abgang wieder die schönste Süße exotischer Früchte. Als hätten sie sich in meine Schleckzunge verliebt, verweilten diese Aromen lange am Gaumen, während eine pfeffrige Wärme bereits den Magen massierte. Dem Exklusiv gelang, was keinem Whisky bisher gelungen war – er nahm mich gefangen. Mit seiner Weichheit und der Seide im Abgang, einem lange nachhallenden bye bye.

Mit einem zweiten Schluck musste ich mich vergewissern, ob dieser Torfwhisky womöglich ein Schummler war und auf raffinierteste Weise meinen Gaumen irritierte. Aber nein, im zweiten Schluck fehlte auch das Verbrannte, das Holz und der Geschmack von Teer. Zwar waren Teer und Torf im Hintergrund noch zu erahnen, sie wurden aber von Rosinen, Apfel, Vanille, Zimt und Honig zügig und mit Ellbogenkraft beiseite geschoben. Im Abgang fehlte das Brennen und zu meiner Genugtuung war der Alkohol eingebunden wie ein behütetes Baby. Dieser Exclusive verdiente eine maximale Bewertung und erhielt als erstes Dram auf meiner Reise vier Stützräder, weil er eine tragende Geschmacksbrücke vom Torf von Islay zum Karamell der nordamerikanischen Weißeiche und der andalusischen Sherrysüße baute. Dank dieser weitgespannten Brücke, dank dieser Komplexität war er der Beste aller fünfzehn bis dahin probierten Single Malts. Der perfekte „Exclusive“ bestätigte mir – Geschmack kennt keine Luftschlösser.

Nun wollte ich natürlich mehr über diesen Exclusive wissen. Also trat ich auf einen jungen Mann mit Lagavulin Signet auf dem Poloshirt zu, der gerade frische Gläser auf einem Tablett in den Raum balancierte, und fragte ihn frank und frei nach dem Geheimnis dieses exklusiven Single Malts.

Er schmunzelte und sein Lächeln bewies, dass er sich geschmeichelt fühlte. „Wir haben etwas Gutes für uns gemacht!“

Was für eine Ansage: „Für uns!“

Der Schotte mit der beachtlichen Fassstärke unter dem Gürtel wäre kein echter Whiskymacher gewesen, hätte er nicht auch Fakten benannt: „Bei diesem Malt achteten wir ganz besonders auf das Wood Management. Er lagerte zehn Jahre in Ex-Bourbonfässern aus amerikanischer Weißeiche und zwei Jahre zur Abrundung in Ex-Sherryfässern von Pedro Ximenez aus Andalusien. Dazu kommt auch noch die Lagavulin-Besonderheit, die lange Lagerung nahe am Meer, die salzige Seeluft, die von außen durch die Poren in die Eichenfässer eindringt.“

Ich nickte verständnisvoll, wollte aber nicht tiefer in die Materie eindringen, denn der zweifache Gaumenkitzel hatte mich leicht bedudelt, gar mein Hirn umwölkt und leicht benebelt. Ja, so benebelt, dass ich einen großen Fehler beging – ich versäumte eine Flasche Exclusive für umgerechnet 116 Euro zu kaufen. Kurz hatte ich daran gedacht. Aber meine Gepäcktaschen waren bereits randvoll und eine Flasche über viele Hundert Kilometer mitzuschleppen, das wäre doch übertrieben gewesen. Natürlich hätte ich sie mir auch abends zügig in tüchtigen Schlucken hinter die Binde gießen können, aber mein Motto lautete ja nicht „hit the bottle & cycle“, sondern „sip & cycle“. So lebt der erste perfekte Schluck meiner schottischen Reise nur noch in der Erinnerung. Aber dafür regt er umso stärker mein Träumen von Islay an. 

Beschwingt und um ein großartiges Geschmackserlebnis reicher, stieg ich nach zwei Dram wieder aufs Rad und gondelte vier Kilometer auf dem bekannten Sträßlein zurück in Richtung Port Ellen. Wären die Herden von Schafen und Lämmern nicht so fresswütig gewesen, hätten sie gewiss ihre Köpfe gehoben und meinem geträllerten Loblied auf die Bottler von Lagavulin gelauscht. Auf der Rückfahrt schwebte ich solange im Reiseglück, bis mir die Terminplanung für die folgenden Tage und Destilleriebesuche in den Sinn kamen. Klar, nach dem ersten perfekten Schluck lag die Messlatte für das nächste geplante Tasting bei Bruichladdich[1] verdammt hoch, aber jetzt musste ich erst einmal meine drei sonntäglichen Besuche verdauen. Leicht ermattet erreichte ich Port Ellen. Außer Puste umfuhr ich die hübsche Hafenmole in weitem Bogen bis ich das B&B von Frau Lorry erreichte, wo ich an der Gartenmauer vom Fahrrad stieg.

Port Ellen, Blick über den Hafen. Bild: Whiskyexperts

* * *

Kaum, dass ich mich in meinem Winzzimmer auf dem Bett ausstreckt hatte, rumpste es hinter der Wand, so erschreckend nah, dass ich hochfuhr und die beige Streifentapete in Augenschein nahm. Nein, die Wand hatte kein Loch und war auch nicht aus Pappmaché, vermutlich aber aus einer einfachen Lage Rigips. Eine derart jämmerliche Schallisolierung sollte ich nicht nur bei Frau Lorry ertragen müssen, sondern in den nächsten Wochen in vielen Quartieren. Der Grund war ganz einfach der, dass die ursprünglichen Zimmer in den Cottages mit billigsten Materialen in möglichst viele Winzzimmer unterteilt worden waren, um möglichst viele Touristen einzuquartieren. Das privat betriebene B&B-Gewerbe ist in Schottland für viele Familien die einzige Einkommensquelle und hilft enorm, die weitverbreitete Arbeitslosigkeit zu dämpfen. 

Die Hafenstraße in Port Ellen. Bild: Whiskyexperts

Dürftig isolierte Wände mit fremden Gästen nebenan, quietschende Holzdielen im Flur, sturzbachartiges Rauschen der Nachbartoilette, aber auch der Verkehrslärm von draußen und das Vogelgezwitscher vom Fensterbrett konnten letztendlich meinem Nervenkostüm nichts anhaben, weil ich – wie auf all meinen Reisen – Ohrstöpsel dabei hatte. So versiegelte ich die Gehörgänge mit bunten Plastikkegelchen, schloss die Äuglein und dämmerte angezogen auf dem Bett liegend dem Abend entgegen. Um 8.00 post meridiem war ich ja in der Hotelbar auf der gegenüberliegenden Straßenseite verabredet.

Wir wissen um die Opulenz des englischen Frühstücks: Bacon, Ham, Sausage, Eggs, Porridge und jede Menge Toast mit bittersüßer Orangenmarmelade. Und das der Schotten ist nicht weniger opulent. Dagegen ist wenig über das englische und schottische Abendessen bekannt. An dieser Stelle sei nur soviel verraten, es wird recht früh am Abend, eigentlich bereits am Spätnachmittag serviert, was verdauungstechnisch günstig ist, da es dank der Vorherrschaft von Fleisch und Kartoffeln für Stunden den Darmtrakt beschäftigt. Die vor vielen Jahrzehnten eingewanderten Inder brachten zum Glück exotische Gerichte wie Currys mit und heute stehen auf jeder Speisekarte eines schottischen Restaurants und Pubs diese Gerichte. Natürlich auch das Allerweltsgericht Pizza, das nach vielen Lehrjahren auch von den Schotten vortrefflich zubereitet werden kann. Nun braucht der Vegetarier nicht gerade zu verhungern, aber in den meisten Restaurants hat er nur die Wahl zwischen gekochtem oder gegrilltem Beilagen-Gemüse und Gemüse-Curry mit Chutney.

Um später trinkfest an der Bar zu stehen, bestellte ich im Hotelrestaurant eine doppelte Portion gegrilltes Gemüse mit Kochkartoffeln und ein Blondes vom Hahn. Auf das Craft Bier freute ich mich sehr, denn es schmeckte immer wieder unglaublich frisch und fruchtig. Nach dem Abendessen wechselte ich in den Nebenraum, wo über der Tür „Ceud Mille Failte[2]“ stand. In diesem Raum ging es schon lebhaft zu, vor allem der Tresen war von Gästen belagert wie ein Freibier Ausschank. Oder sah es für den Neuankömmling nur so aus, weil viele Gäste an der Theke auf ihr Getränk warteten, das sie dann eigenhändig an die Tische trugen. Nun blieb mein Blick nicht an den sich knubbelnden Thekengästen und am flinken Hantieren der beiden Barmänner hängen, sondern wurde von der Regalwand hinter dem Tresen gefesselt. Hier standen auf beleuchteten Glasböden bis zur Decke an die hundert Whiskyflaschen, nicht nur von Islay, sondern auch von den anderen Inseln, den Highlands, von Speyside und den Lowlands. Wirklich! Auf den Glasböden des deckenhohen Regals stand das trinkbare Schottland für jeden Geschmack bereit. Nach einigem Hin und Her, was den gestressten Barmann ungehalten machte, entschied ich mich für den Organic 2009 von Bruichladdich, einer Brennerei, die an der Westküste von Islay liegt. Morgen würde ich dorthin radeln, das hatte ich bereits geplant. Als Vorbereitung und erstes Hallo wählte ich eine Novität – einen biologisch-dynamischen Single Malt.

Kaum stand das Dram vor mir an der Kante des Bartresens, wurde ich sofort zum Bezahlen aufgefordert, was mir missfiel, da ich diese Angewohnheit von zuhause nicht kannte. Der sofortige Zahlzwang war für mich ein gastronomisches No-Go, denn er vermittelte dem Gast, insbesondere dem ausländischen Gast, den Eindruck, dass er als potentieller Zechpreller betrachtet wurde. Für mich, den temporären Inselbesucher, fiel die sofortige Zahlungsaufforderung unter die mehrmals erlebte „Islay-Arroganz“, was ich dem Barkeeper nicht gerade dezent unter die Nase rieb.

Er zog die Stirn in Falten, schaute mich verkniffen an und erwiderte in barschem Tonfall: „Das ist so Brauch in ganz UK.“

Rumps, da hatte ich`s! Ein interkulturelles Missverständnis, das mich enttäuscht und den Schotten mürrisch zurückließ. Mit eisiger Miene und ohne Trinkgeld zu geben, bezahlte ich das Bio Dram und in unterkühltem Ton, ohne „please“ und „sorry“, bat ich ihn, mir die Flasche anzureichen. Frostig, mit starrer Miene, befolgte er meinen Wunsch und hielt mir die Flasche hin, während er abfällig zur Seite schaute. Aus seiner verletzten Eitelkeit machte ich mir nichts, in aller Ruhe las ich das Etikett: 50 % vol., acht Jahre, ungetorft, organic, zertifiziert von der Biodynamic Association. Diese Zertifizierung entsprach dem Zertifikat der britischen Soil Association und erfüllte die Auflagen eines pestizidfreien Anbaus. Auf der Rückseite der Flasche stand noch die Information, dass der Bruichladdich Organic aus biologisch angebauter Gerste von der Mid Coul Organic Farm von Dalcorss destilliert wurde.

(zur nächsten Folge)


[1] brook-lad-die
[2] tet-mila-folta „zehntausendfaches Willkommen“

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