longrowcvDer Longrow CV ist eine gerade im Werden befindliche Rarität. Im Werden befindlich deshalb, weil seine Produktion mit Ende des Jahres 2012 eingestellt wurde (der Nachfolger ist der Longrow 10 years, der im Charakter ähnlich ist, aber eine „gefälligere“ Note hat).

Der CV (das steht, je nach Quelle, für „curriculum vitae“ oder für „Chairman’s Vat“) stammt aus der Region Campbeltown, wo es nur mehr wenige Destillerien gibt. „Longrow“ ist diesmal nicht die Bezeichnung der Brennerei (Longrow gibt es seit langem nicht mehr, wo sie einmal war, ist nun ein Parkplatz), sondern eine Marke der Destillerie Springbank, eine der letzten Brennereien der Region (andere bekannte Marken der Destillerie sind Springbank selbst, der nicht getorft ist, die junge Marke Kilkerran und Hazelburn). Der Whisky trägt keine Altersbezeichnung (im Fachjargon NAS – no age statement), weil er aus verschiedenen Jahrgängen zusammengemischt ist. Werden nämlich verschiedene Jahrgänge verwendet, dürfte man nur den jüngsten davon auf der Flasche zur Altersberechnung verwenden – und davor scheuen sich die Destillerien aus Marketinggründen (im Kopf der Verbraucher ist älter gleich besser, was oft, aber so generell natürlich nicht stimmt). Im Falle des Longrow CV ist die fehlende Altersangabe aber kein Manko, denn er ist besonders – und besonders gut.

Der Longrow CV ist ein Whisky, den man entweder liebt oder hasst. Jemand hat seinen Geschmack einmal mit dem Begriff „Hafenbecken“ umschrieben – und das trifft es ziemlich gut. Er entstand eigentlich als der versuchte und gelungene Beweis der Destillerie dafür, dass man auch in Campbeltown einen Whisky mit Islay-Charakter herstellen kann. Schon in der Nase fallen maritime und medizinische Noten auf: Es riecht nach Gummihandschuh und Arzneimittelschrank. Weder am Gaumen noch beim Abgang ändert sich dieser Gesamteindruck – der Longrow CV hat nichts von Lieblichkeit oder geschliffener Eleganz. Vielen geht es mit ihm so wie mit den ersten Versuchen, Bier zu trinken: Erst ist es eine Überwindung, dann wird es eine herzliche Beziehung. Dieser Whisky polarisiert – oder anders gesagt: er hat einen verdammt ausgeprägten Charakter.

Longrow kann übrigens auch anders: Der Longrow 18y aus dem Jahr 2012 zum Beispiel hat, obwohl er das Hafenbecken in sich trägt, eine fast süße, harmonische und sehr elegante Note an sich. Wenn man den CV im Ölzeug unter einem Bretterverschlag trinkt, dann trinkt man den 18y am Abend im Kaminzimmer, nachdem man die nasse Kleidung gewechselt und ein heißes Bad genommen hat.

In vielen Geschäften ist der Longrow CV noch vorrätig, und Sie sollten diesen (durchaus preiswerten) Whisky zumindest verkostet haben, denn seine Ecken und Kanten sind ziemlich einzigartig…

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