Whisky pur? Mit Wasser? In Cocktails? Wir von Whiskyexperts finden: Genießen soll jeder auf seine Art – und wir wollen jeden dabei unterstützen, für sich den größten Genuss mit dem Wasser des Lebens zu finden. 

Daher freuen wir uns besonders, Reinhard Pohorec, einen der besten Barkeeper im deutschsprachigen Raum und begeisterten Fachmann für Whiskycocktails, in unserem Team zu haben. Er wird seine Begeisterung in regelmäßigen Beiträgen mit unseren Lesern teilen – und in ihnen seine Lieblingsrezepte für einfache, raffinierte, klassische oder experimentelle Cocktails mit Whisky, exklusiv hier auf Whiskyexperts.

Diesmal mixt Reinhard mit Milch. Und jeder Menge Spaß.

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Hausfrauen des 18. Jahrhunderts, der Mann, der den Blitzableiter erfand, curds und posset – Milk Punch, zweifelsohne ein großes Getränk der Historie. Melken wir also gemeinsam die Kuh der Geschichte, full fat, garantiert nicht laktosefrei und mit einem milchbärtigen Spitzbubenlächeln.

Es ist schon eine faszinierend-amüsante Kleinigkeit am Rande, dass die Ursprünge eines so urtypisch amerikanischen Cocktails in Schottland liegen. David Wondrich nach, Flüssighistoriker und Drinklexikon in personam, stößt man 1688 erstmals auf das Getränk in William Sacheverell’s Erzählungen über die Insel Iona. Dass die Punch Tradition eigentlich in Großbritannien verwurzelt ist, sollte keine allzu große Novität mehr sein, aber denkt man sich vom Mississippi und Brunch Buffets in New Orleans auf die Insel Iona…? Die Wege des Herren und des Schnaps sind halt doch unergründlich, fast.

1711 dann taucht er wieder auf, der milchige Stimmungsaufheller, wenngleich „milchig“ nicht im eigentlichen Sinne zu verstehen sei. Denn was heute so manch Cocktailguru und Molekular- (entschuldigen Sie bitte den frivolen Ausdruck) Mixer als Zauberei über den Tresen schiebt, ist ein Trick so alt wie der Act of Union: ein klarer Drink mit Milch.

Eine British White.
Eine British White.

Mary Rockett, Hausfrau und Küchenfee des 18. Jahrhunderts schreibt eine erste Variante nieder, von zwei Zitronen ist da die Rede, Zucker, Milch und Muskatnuss kommen hinzu. Und natürlich, wie könnte es damals auch anders sein, von Whisky keine Spur, der französische Cognac ist die präferierte Spirituose. Die heiße Milch wird zu der Mischung gekippt, die sonst eher an einen erfrischenden Sour erinnert, woraufhin diese gehört auszuflocken beginnt, sich separiert und nach gewissenhafter Filtration klärt.

Nur wenige Jahre bevor Rockett dem Milk Punch erstmalig ein schriftliches Denkmal setzt, erblickt ein anderer Großer der Geschichte das Licht der Welt, ein Wunderwutzi sondergleichen, Drucker, Schriftsteller, statesman und Erfinder: Benjamin Franklin hat viele Talente. Er hebt Freiwillige Feuerwehren und Bürgermilizen aus der Taufe, verlegt zahlreiche Schriftstücke, forscht um die Elektrizität und sucht mit himmelhohen Eisenstangen die Blitzenergie einzufangen.

Seine Arbeiten erregen global Aufmerksamkeit und immer wieder reist er nach Europa, verbringt jede Menge Zeit in London oder Edinburgh. Während dieser Exkursionen in die alte Welt muss er wohl auch die Tradition von Punch und Community Drinks kennenlernen.

Eine Irish Moiled. Die braunen Streusel am Fell ergeben einen leichten Kakaogeschmack der Milch (just kidding)
Eine Irish Moiled. Die braunen Streusel am Fell ergeben einen leichten Kakaogeschmack der Milch (just kidding)

Tauscht er mit seinem Brieffreund und wissenschaftlichen Kollegen James Bowdoin sonst eher hochtrabend geistige Ideen aus, so sendet er ihm 1763 „geistige“ Inspiration in Form seines Milk Punch Rezepts.

Auch er aromatisiert vorweg Brandy mit Zitronenzesten, gießt Zitronensaft und Zucker sowie Wasser und Muskatnuss an, bevor schließlich kochend heiße Milch hinzugefügt wird und die Masse sich trennt, dass jedem Spitzenkoch heute die Grausbirnen aufsteigen müssten.

Damals ist dies natürlich blanke Absicht, ein paar Stunden Geduld, absetzen lassen, abseihen und trinkfertig in Flaschen abgefüllt kalt stellen – voilà!

Ob es solch animierende Getränke sind, die Franklins Schaffen beflügeln oder ihm Inspiration bei der Überarbeitung der Unabhängigkeitserklärung einflüstern, ist nicht bekannt, dass dieser Mann jedoch Geschichte schreibt, ist selbstverständlich: „we hold these truths to be self-evident“…

Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg hält sich der Milk Punch als Klassiker in den Herrenhäusern und Damenrunden, bei Festen und Feten, in Europa und der neuen Welt – kalt, warm, in den Tagen der Kolonialzeit, entlang des Mississippi, von Boston bis in den tiefsten Süden.

Und es sind zwei Strömungen, die sich durch das Flussbett der Geschichte mäandern.

Zum einen die britische, kalt servierte Tradition eines geklärten Drinks, bei dem die soliden Milchpartikel wegfiltriert werden, zum anderen eine reichhaltige, cremig-fluffige Version, die man heute eher „the big easy“ zuordnen würde. Da hat endlich auch der Whiskey seinen finalen Showauftritt.

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Seit den ersten Barbüchern des späteren 19. Jahrhunderts ist nämlich der Milk Punch mit Rum, Brandy oder eben Whiskey (zumeist Bourbon), whole milk, Zucker, Muskat und eventuell Vanilleextrakt (noch so ein herrlich obszönes Kuriosum beheimatet jenseits des Atlantiks) fest verankert an den Tresen der Welt. Erst nach dem zweiten Weltkrieg verliert sich die Spur und Popularität des Milchgetränks, wenngleich man der Barkultur im ausklingenden 20. Jahrhundert generell kein allzu rosiges Zeugnis ausstellen möge.

Die letzten Jahre schließlich bringen mit der Renaissance der gehobenen Bar eine Rückbesinnung auf alte Werte, Handwerk und vergangene Rezepturen, auch der Milk Punch gehört da zweifelsohne dazu. Gänzlich zu Unrecht sieht man den Drink allerdings immer noch sehr selten in den Karten moderner Bars und Restaurants.

Ob es mit dem Allegene-Wahn, der vegan-laktosefreien Alternativlingswelle, dem erhöhten Gesundheitsbewusstsein und Abstinenzbestreben zusammenhängt – man weiß es nicht. Es ist aber auch völlig egal. Denn dass dieser Cocktail schlichtweg (Sie mögen nochmals meine plakative Schreibe entschuldigen) „geil“ ist – und zwar völlig ohne Geiz – werden Sie spätestens dann merken, wenn Sie zum Shaker greifen und selbst einen mixen.

Und bitte denken Sie gar nicht an 0%, Halbfett oder free-from-sonst-was Soja und Reismilch – es geht immer noch um Genuss und einen anständigen Drink.

Mit den besten Spirits,

Reinhard Pohorec

 

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Milk Punch à la Benjamin Franklin 1763

To make Milk Punch

Take 6 quarts of Brandy,
and the Rinds of 44 Lemons pared very thin;
Steep the Rinds in the Brandy 24 hours;
then strain it off.
Put to it 4 Quarts of Water, 4 large Nutmegs grated, 2 quarts of Lemon Juice, 2 pound of double refined Sugar.
When the Sugar is dissolv’d, boil 3 Quarts of Milk
and put to the rest hot as you take it off the Fire, and stir it about.
Let it stand two Hours; then run it thro‘ a Jelly-bag till it is clear;
then bottle it off.

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Bourbon Milk Punch

2oz Bourbon Whiskey (60ml)

3oz Milk or Half&Half (90ml)

½ oz Sugar Syrup (15ml)

1 tbsp Vanilla Extract

grated nutmeg

shake and strain in an ice filled glass

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Anmerkungen: die lieben amerikanischen Freunde haben’s gern etwas deftiger, wenn Sie wollen, nehmen Sie eine 1:1 Mischung aus Milch und Schlagobers, eine hochqualitative Heu-Vollmilch tut den Zweck aber allemal.

Zuckersirup kennen wir ja schon (1,5 Teile Zucker, 1 Teil Wasser), je nach Geschmack und ein Spritzer Vanilleextrakt ist wirklich eine feine Sache – alternativ greifen Sie zu Vanillezucker oder einer guten Vanilleschote