Whisky pur? Mit Wasser? In Cocktails? Wir von Whiskyexperts finden: Genießen soll jeder auf seine Art – und wir wollen jeden dabei unterstützen, für sich den größten Genuss mit dem Wasser des Lebens zu finden. 

Daher freuen wir uns besonders, Reinhard Pohorec, einen der besten Barkeeper im deutschsprachigen Raum und begeisterten Fachmann für Whiskycocktails, in unserem Team zu haben. Er wird seine Begeisterung in regelmäßigen Beiträgen mit unseren Lesern teilen – und seine Lieblingsrezepte für einfache, raffinierte, klassische oder experimentelle Cocktails mit Whisky, exklusiv hier auf Whiskyexperts.

Heute gibt es einen Klassiker zum Nachmixen – und eine tolle Geschichte als Zutat.

Unser Redakteur Reinhard Pohorec
Unser Redakteur Reinhard Pohorec in seinem Element

September 1777, General John Burgoyne zieht zu Felde mit seinen britischen Truppen – die Luft ist erfüllt von knisternder Spannung und dem Geruch nach Schießpulver. Von Kanada aus rückt er südwärts vor, in Erwartung befreundeter Truppen, die von New York City kommend gen Norden marschieren. Doch die Verstärkung kommt nie an, Burgoyne selbst findet sich eingekesselt von amerikanischen Unabhängigkeitskämpfern. Am 18. Oktober schließlich kapituliert „Gentleman Johnny“, für viele Historiker ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des American Revolutionary War.

Als „Schlachten von Saratoga“ (New York) werden die Kämpfe schließlich legendärer Historienstoff, unbarmherzig, spektakulär, zukunftsweisend.

Im darauffolgenden Jahrhundert avanciert jener geschichtsschwangere Boden zum Mekka für Reich und Schön.

Gideon Putnam gebiert die Idee eines europäisch inspirierten Spa entlang der Saratoga Springs Mineralquellen, er errichtet Putnam’s Tavern und Boarding House, baut der Haute Vollé und wohlhabenden Touristenströmen eine Spielwiese des glamourösen Lebens.  Es folgen Hotels und Theater, Casinos und Pferderennbahnen spülen „gambling“ und noch mehr cash an Land. Dass nebst all dem bunten Treiben der Alkohol eine elementare Rolle einnehmen muss, versteht sich ja eigentlich von selbst.

Glücksspiel, Wetten und Wellness – Saratoga Springs verdient sich Schritt für Schritt den Ruf des Ostküsten Las Vegas.

Ein gewisser John Morrissey, „Old Smoke“ genannt und ein Raubein vor dem Herren, hat einen nicht unwesentlichen Anteil an dem Zockerei-Aufschwung, sein Club House ist legendär. So wie übrigens der Mann selbst, der die von bare-knuckle boxing rührenden Gewinne fleißig investiert und unternehmerisch tätig wird, vornehmlich im Bezug auf Karten und Wettscheine. Sein Casino ist Treffpunkt diverser Präsidenten der jungen Nation und anderer Prominenz, Ulysses S. Grant, Rutherford B. Hayes oder Mark Twain, alle sind sie da. Und auch Morrissey hält mehr als nur eine Zehenspitze in den Amerikanischen Polit-Teich. Er tritt den Demokraten bei und steht der berüchtigten Tammany Hall nahe.  So heuert er auch die „Dead Rabbits“ (Bar Aficinados nun als Namensgeber einer der aktuell besten Bars weltweit bekannt) an um einer anti-Tammany Hall Gang  Paroli zu bieten, die wiederum in William „Bill the Butcher“ Poole ihren Anführer sah. Nun ja, vielleicht klingelt da bei manch geneigtem Leser die Erinnerungsglocke an den Stoff, aus dem die guten Stories gewoben sind – „Gangs of New York“, just in case….

Aber das ist eine andere Geschichte, wir wollten doch einen Drink, nicht wahr?

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Das Ergebnis unserer (geringen) Mühen: Der Saratoga Cocktail

Kurzum, Morrissey wird brav und respektierter Staatsmann, man trinkt weiter gerne und viel – dass der Herr dann auch noch einen gewissen Jerry Thomas (seines Zeichens Autor des ersten weltbekannten Barbuchs „How to mix drinks or  The Bon Vivant’s Companion“ und Barlegende schlechthin) zu seinen Freunden zählt, tut besonders dem alkoholischen Teil unserer kleinen Anekdote keinen Schaden. Dies mag weiters wohl zu der Namensgebung des Saratoga Cocktails führen, denn Jerry Thomas ist es auch, der erstmalig den Drink schriftlich festhält, in der Zweitausgabe der eben genannten Bar Bibel von 1887 nämlich.

Von getränketechnischer Seite her kann man den Saratoga als Variation eines Manhattan oder Verwandten des Vieux Carré sehen – auch wenn der Autor dieser Zeilen persönlich kein Freund solcher Kategorisierungen und strikter Zuordnungsversuche ist.

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Man nehme

  • 1oz good cognac
  • 1oz rye whiskey
  • 1oz red vermouth
  • 2 dashes Angostura Bitters

 Combine all ingredients in a mixing glass
Stir with ice and strain into a coupe of small wine glass
Garnish with a half lemon wheel

Anmerkungen:

Ein „guter“ Cognac ist ja durchaus empfehlenswert, der Begriff jedoch recht schwammig – ein VSOP tut den Zweck ideal.

Roggenwhiskey ob seiner würzigen Signatur gibt dem Drink Charakter und Trockenheit, make your pick! Der rote Vermouth darf ruhig auch „Eier“ und eine prononcierte Kräuter- und Bitterqualität haben, wie Pontica Red Vermouth.

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Immer wieder und in vielerlei Form taucht der Name Saratoga in der Cocktail Historie auf. Harry Johnson, neben Jerry Thomas zweiter Wunderwutzi der frühen goldenen Bar Ära, mixt einen Saratoga Cocktail mit Brandy (also wohl Cognac oder Armagnac in jenen Tagen), Ananassirup, Maraschino und Boker’s Bitters – auch sehr schmackhaft aber hier gänzlich am Thema vorbei. „Genügend – Setzen, Herr Johnson!“.  Für uns spannend ist einzig die beschriebene Spielart mit Brandy und Whiskey, zudem ein exzellentes Beispiel für die gelungene Melange zweier Basisspirituosen, zusammengeführt zu einem größeren Ganzen.

Um die Jahrhundertwende ändern sich die Zeiten an den Saratoga Springs, so wie dem Alkohol weitgehend der Kampf angesagt und schließlich auch der Gar ausgemacht wird, blicken auch Glücksspiel, Bon Vivant Dasein und das verschwenderische Leben der Wohlhabenden keiner rosigen Zukunft entgegen. Die Szenerie wird sauber geputzt.  Die Pferde laufen anderswo, Würfel und Rubel fallen in neuen Destinationen und nach und nach schließen Saratogas Casinos, Hotels und derlei Etablissements.

Wenn Sie sich also einen Saratoga mixen und genießen, denken Sie mit einem verstohlenen Lächeln zurück an die längst vergangenen Tage, als die Welt noch in Ordnung und big spender mehr als nur Memorie war.

Mit den besten Spirits,
Reinhard Pohorec

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Kommen Sie ruhig näher, der schmeckt fantastisch 🙂