Dienstag, 15. Juni 2021, 17:35:11

Wir verkosten: Brora Triptych 1982/1977/1972

Nicht umsonst haben die Whiskys aus der 38 Jahre lang geschlossenen Highland-Destillerie einen legendären Ruf...

Brora Triptych
Originalabfüllung
3x 0,5 Liter
Brora 1982, Brora 1977, Brora 1972

Sample von: Diageo UK
Verkoster: Bernhard Rems

Das Dreierset Brora Triptych ist keine willkürliche Zusammenstellung von Single Malts aus der jetzt wiedereröffneten Brennerei in den Highlands, sondern verdeutlicht drei unterschiedliche Stilrichtungen, die man dort im Laufe der Zeit produziert hat. Der Brora 1982 zeigt die wachsige und fruchtige Seite der Brennerei, der 1977 destillierte Brora jenen Stil, der von starker Torfigkeit geprägt war, und der Brora 1972 den rustikalen und nicht ganz so torfigen Stil (der unter Whiskykennern gerade in diesem Jahrgang einen legendären Ruf besitzt – und das völlig zu Recht, wie wir noch sehen werden).

Brora hat sich ja mit der Neueröffnung vorgenommen, das Erbe der Brennerei fortzuführen – nicht umsonst hat man höchsten Wert auf die Originaltreue der Gerätschaften gelegt und aus den Aufzeichnungen die Rahmenbedingungen für die Produktion wie Zeiten, Temperaturen und vieles mehr wieder ausgegraben. Die logische Frage daher an Master Distiller Stuart Bowman während unserer Tasting Session über das Internet, welchen Stil man denn reproduzieren wolle. Seine Antwort: Alle, denn man könne alle dank der Aufzeichnungen sehr präzise „nachbauen“. Man werde „Pakete“ der verschiedenen Stilrichtungen erzeugen und parallel reifen lassen.

Auf unsere Frage, was denn die größte Fallgrube beim Reproduzieren des typischen Brora-Stils in der neuen Brennerei sei, war die Antwort eindeutig: Das typisch Wachsige in den Brora-Abfüllungen. Trotz intensiver Bemühungen, diesem Geschmack „auf die Schliche zu kommen“, hätte man es nicht geschafft, das Geheimnis darum gänzlich zu lösen. Zwar konnte man bei Versuchen in der Destillerie Dailuaine die Wachsnote ebenfalls gewinnen, aber nur in einem vernachlässigbaren Ausmaß – man nehme daher an, dass sie von etwas stammen müsse, was man tatsächlich nur am Standort von Brora finde, aber nicht genau bestimmen könne.

Jetzt aber zu den einzelnen Abfüllungen und ihren Verkostungsnotizen. Wir versuchen hier, uns etwas mehr auf den Gesamteindruck der Abfüllungen zu konzentrieren – die allesamt höchst komplexen Whiskys in ihre Bestandteile zu zerlegen ist eine Aufgabe, die absolute Koryphäen wie Serge Valentin bereits mit Bravour erledigt haben (seine Notes finden Sie hier), da können wir nichts Essentielles mehr beitragen. Unsere Herangehensweise ist es zu versuchen, den Charakter der Abfüllung einzufangen und zu übersetzen.

Brora Triptych 38yo 1982 „Timeless Original“ (47,5% vol.)

In der Nase ein sonniger, fast sommerlicher Eindruck mit einer Mischung aus Fruchtnoten, auch tropisch und ein wenig Kokos, und dem Duft von süßem Honig. Sehr einladend ist das, und für seine 38 Jahre kein bisschen schwächelnd oder zurückhaltend – ein Eindruck, der sich auch am Gaumen fortsetzt: Hier finden wir eine lebendige Frische, die wirklich erstaunlich ist, und mit ihr gleichzeitig ordentlichen Tiefgang, der durch eine Hauch Asche, und dem wachsigen Geschmack, der Brora so eigen ist, definiert wird. Im Abgang zeigt sich das Wachsige noch eine Spur deutlicher – insgesamt bleibt der Eindruck eines Malts mit wunderbarem Tiefgang, in dem sich die einzelnen Noten zu einem Orchesterstück verbinden, wo aber viele Instrumente auch für einige Takte ein Solo spielen dürfen. „Erlebnismalt“ würde es hier gut treffen, das ist nicht ein kurzer, intensiver Eindruck, sondern etwas, das die Zeit der Reife in einer längeren Abfolge auf einen loslässt.

Brora Triptych 43yo 1977 „Age of Peat“ (48,6%.)

Wie viele alte rauchige Whiskys gibt der Brora 43yo seine Rauchigkeit in der Nase nicht wirklich völlig preis. Da findet man den Duft einer alten, schon länger nicht betretenen Bibliothek in einem durch Sonnenlicht aufgeheizten getäfelten Lesezimmer, einen Anflug von tropischen Fruchtnoten dazu, und der Rauch liegt wie ein Teppich darunter, mit einerseits kohligen, andererseits holzigen Tönen. Als leisen Kontrapunkt kann man auch Minznoten finden. Dann, im Mund, zunächst eher etwas Kräuteriges, Ledriges, aber auch etwas Schokolade und Vanille, sehr lapidar in einer beeindruckenden Weise. Der Rauch kommt wie eine Woge, und das hat nichts von der Brutalität junger Raucher, sondern eine beeindruckende Eleganz, warmer Holzrauch ohne den schneidenden Unterton, der Nase und Augen reizt. Auch hier Vielschichtigkeit und ein wunderschönes Miteinander kontrastierender Töne. Und im Finish will das nicht und nicht enden. Beeindruckend – und (nicht nur durch das Alter) völlig unterschiedlich von den rauchigen Whiskys, wie wir sie heute kennen.

Brora Triptych 48yo 1972 „Elusive Legacy“ (42,8% vol.)

Eines sei gleich vorangestellt: Ein absoluter Ausnahmewhisky. Einer, bei dem man, wenn man sich Whisky emotional und nicht analytisch nähert, ungern Tasting Notes schreibt – weil man entweder an der Banalität der Worte oder deren Pathos scheitert. Denn der Brora 48yo überwältigt die Sinne. Einerseits ist er im allerbesten Sinne einfach, weil idealtypisch: So stellt man sich Whisky vor, ein rustikaler Charakter, ungeschminkt, erdig, ehrlich, und andererseits von einer Tiefe, die Dich sprachlos lässt. Man wagt nach dem Herunterschlucken buchstäblich für zehn, fünfzehn Sekunden nicht zu atmen, weil man die Wogen an Geschmack, diese Vielzahl an auf sich aufbauenden Eindrücken, einfach nur wirken lassen will. Wenn hier steht: Rauch und Räucherwerk, Menthol, Erdiges, Wachs, Butternoten, Sandelholz – es sind fast Geringschätzungen für das, was geschieht. Und das ist kein Eintopf der Eindrücke, die Noten stehen so präzise nebenbeinander, dass man den Eindruck bekommt, dieser Whisky würde die Sinne nicht überschwemmen, sondern schärfen. Nach dem Verkosten dieses Whiskys fragt man sich letztendlich, was an einem Whisky eigentlich noch besser sein kann. Und man kann es nicht benennen.

Die Brora Triptych sind nicht nur ein Blick in die Geschichte der Destillerie, sondern ein Kompendium dessen, was Brora so besonders machte. Der Destillerie sei zur Auswahl der drei Whiskys gratuliert – sie stellen Whiskykunst auf höchstem Niveau dar. Wer sich die 35.000 Euro dafür leisten kann: Es sind drei geschmackliche Türen in eine großartige Vergangenheit. Wenn Sie sich diese drei Türen kaufen, um Gottes Willen öffnen Sie diese! Sie betreten ein Land, aus dem Whiskyträume gemacht sind.

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