Nicht nachmachen, sondern vorausdenken – unter dieses Motto könnte man die Geschichte des österreichischen Whiskys stellen. Eine Geschichte, die eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt, wie Jasmin Haider, Vorsitzende der Austrian Whisky Association, auf der Verkostung am 26. Februar im Barfly’s in Wien anmerkte. Offiziell begonnen hat sie mit dem Betrieb ihrer Eltern, der Roggenreither Whiskydestillerie J. Haider, die 1995 mit der Produktion von Whisky begann. Nicht aus Romantik oder Liebe zu Schottland, sondern aus purer wirtschaftlicher Notwendigkeit: Der nahende EU-Beitritt warf seine Schatten voraus, und man suchte nach einer Möglichkeit, abseits des im EU-Rahmens zu kleinen Betriebes Geld zu verdienen. Das Waldviertel bot Eiche, Getreide, weiches Wasser und Torf – also kam man auf Whisky.

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Mittlerweile gibt es rund 50 Whiskybrenner in Österreich, aber nicht alle tun dies auch kommerziell und nur wenige hauptberuflich. Das Brennen von Destillaten hat in Österreich lange Tradition, und was Obstbrände anbelangt, zählen die Brenner hier zur Weltspitze. Sie brennen extrem sauber, trennen Vorlauf und Nachlauf mit chirurgischer Präzision – aber das ist bei der Herstellung von Whisky, soll er „schottisch“ werden, eher ein Hindernis. Diese unterschiedliche Brenntradition und die Verwendung von anderen Destilliergeräten und –methoden ist ein Grund dafür, dass sich österreichischer Whisky in der Regel sehr vom schottischen unterscheidet und auch nicht an ihm gemessen werden will oder soll.

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14 dieser Brenner der ersten Stunde haben sich zur AWA, der Austrian Whisky Association zusammengeschlossen und im Rahmen des Tastings am 26. Februar einige ihrer Produkte vorgestellt. Den Rahmen bot das Barfly’s – per se bereits ein Whisky-Eldorado mit hunderten von echten Schätzen hinter der Bar (die alten Abfüllungen aus Lost Distilleries sind dort Legion). Zu den fünf offiziell gereichten Whiskys (detaillierte Tasting-Notes von Reinhard Pohorec folgen in der nächsten Zeit) gab es komplementär auch kleine Gaumenfreuden wie Schokopralinen, Käse oder Speck auf Brot – um die Kombinationsmöglichkeiten zwischen Whisky und Essen aufzuzeigen. Nach dem offiziellen Teil konnte man auch noch andere Produkte aus der AWA auf Anfrage verkosten.

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Jasmin Haider, bei der Roggenreither Whiskydestillerie J. Haider als Juniorchefin für Marketing und Produktentwicklung zuständig, präsentierte zunächst zwei Whiskys, mit denen ihre Eltern begonnen hatten – Roggenwhiskys mit unterschiedlichen Röstungsgraden und Zusammensetzungen. Der Original Rye Whisky J.H. hatte das typisch Brotige und Kräuterige von Roggenwhiskys und bietet den Whiskyfreunden einen sehr urigen Genuss. Der Special Rye Malt Nougat J.H. ist hingegen wunderbar weich und von einer kühlen Schokoladennote umhüllt.

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Die dritte Probe stammte aus der Destillerie Lavabräu aus der Steiermark und nannte sich Brisky. Das Besondere an ihm: die Maische wurde in einer Bierbrauerei geläutert, so wie es in Schottland gemacht wird, danach wurde der Whisky vakuumdestilliert (mit Unterdruck braucht man weniger Hitze und gewinnt dadurch feinere Aromen). Das Ergebnis ist in der Nase sehr „lowlandisch“, am Gaumen aber weiter entfernt von traditionellem Whisky.

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Als Nummer vier wurde unter der fachkundigen Anleitung von Jasmin Haider der Malt aus der Pfau-Destillerie in Kärnten verkostet, gemacht aus 100% Gerstenmalz. Von allen verkosteten Whiskys war er derjenige mit dem jugendlichsten Charakter, den man am Metallton im Abgang erkannte.

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Mit der Nummer fünf begab man sich in das westlichste Bundesland Österreichs, nach Vorarlberg.  Der Burn Out aus der Destillerie Broger besteht ebenfalls aus 100% Gerstenmalz und wurde stark getorft. In der Nase zeigt sich das mit einem immensen Geruch nach einem Fahrradschlauch, der in Fichtennadel-Badesalz eingelegt war. Naslich also nichts für schwache Nerven – dank des extremen Torfmalzes, das direkt aus Schottland kommt. Am Gaumen dann wird der Burn Out überraschend rund und wärmend – ein insgesamt sehr überzeugender Whisky.

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Die Bandbreite der verkosteten Whiskys aus Österreich war enorm – und tatsächlich scheint in der Alpenrepublik die Lust am Experiment stärker zu sein als das Bestreben, dem schottischen Whisky nachzueifern. Diese strategische Entscheidung der Whiskyerzeuger ist unserer Einschätzung nach absolut richtig – mit unterschiedlichen Voraussetzungen Nachahmung zu betreiben, kann nur in die Hose gehen.

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Wer sich selbst einen Überblick über die österreichische Whiskylandschaft verschaffen will, dem sei die AWA-Box mit 7 50ml-Flaschen aus sieben Destillerien ans Herz gelegt. Sie deckt in der ersten Auflage die erste Hälfte der AWA-Destillerien ab, mit einer zweiten Auflage ist zu rechnen. Für 45 Euro kann man sich whiskymäßig durch Österreich kosten und wird sicher den einen oder anderen Whisky kennen lernen, von dem man mehr trinken möchte. Leider gibt es die Box nicht im Handel, sondern nur bei den AWA Mitgliedsbetrieben direkt, was die Verbreitung natürlich etwas einschränkt – aber vielleicht wird sich das in absehbarer Zukunft doch noch ändern. Zu wünschen wäre es den österreichischen Brennern jedenfalls, dass ihre Produkte einer breiteren Öffentlichtkeit zugänglich gemacht werden…

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