Montag, 30. November 2020, 18:33:29

Exklusiv: Interview mit Scott Adamson (Tomatin) – Teil 1

Beam 2020 Laphroaig

In unserem heutigen Exklusiv-Feature sprechen wir mit Scott Adamson, Regional Sales Manager bei Tomatin. Mit ihm haben wir uns über seine Arbeit, die Destillerie Tomatin selbst und ihre Abfüllungen unterhalten – und einiges Neues erfahren, so zum Beispiel welche Überlegungen hinter der Produktpolitik bei Tomatin stehen und welche neuen Special Editons in Planung sind. Wir haben das Interview schriftlich mit ihm geführt – den ersten Teil können Sie heute hier lesen; Teil 2 ist hier zu finden.

Scott wird übrigens auch Gast auf der 7. Wiener Whiskymesse am kommenden Wochenende sein und dort eine (leider bereits ausgebuchte) Masterclass mit den Produkten der Highland-Destillerie halten. 

Scott Adamson, Tomatin Distillery
Scott Adamson, Tomatin Distillery

Scott, danke für Deine Bereitschaft zum Interview. Könntest Du Dich zunächst vorstellen und Deine Rolle bei Tomatin beschreiben?

Danke für die Möglichkeit, mit euch zu sprechen. Mein Name ist Scott Adamson und ich bin einer der regionalen Sales Manager der Destillerie Tomatin. Ich kümmere mich um die Verkäufe in den meisten europäischen Märkten und verbringe dort auch sehr viel Zeit, um unsere Marken auf verschiedenen Festivals und Tastings zu promoten.

Wie kam es zu Deinem Interesse für Whisky und die Whisky-Industrie?

Nun, ich bin in den Highlands aufgewachsen, und da ist man natürlich von Kindesbeinen an von Whisky umgeben. Das Interesse für das Produkt selbst ist bei mir da, seitdem ich alt genug war Whisky zu trinken. Während meiner Zeit an der Universität hatte ich dann die Chance, ein wissenschaftliches Praktikum bei Tomatin zu machen, und in diesen 8 Wochen wurde mein Interesse an der Whiskyindustrie im Gesamten so richtig geweckt. Bis dahin hatte ich nie wirklich verstanden, was da eigentlich alles im Hintergrund passiert.

Lass uns einmal über die Destillerie Tomatin sprechen. Wodurch sticht sie hervor? Was ist Deiner Meinung nach die „Seele“ von Tomatin?

Das klingt vielleicht etwas klischeehaft, aber: Die Leute, die dort leben und arbeiten, sie sind „die Seele von Tomatin“. Als die Destillerie Tomatin 1897 eröffnet wurde, war sie sehr abgelegen, also hat man dort auf dem Betriebsgelände Häuser gebaut, um dort die Arbeitskräfte unterzubringen. Tomatin ist eine der wenigen übriggebliebenen Destillerien, die ihre Mitarbeiter auch auf dem Gelände beherbergt. 80% unserer Belegschaft wohnt in 30 Häusern vor Ort. Auch ich lebe in einem der Häuser dort. De facto bedeutet das, dass mehrere Generationen der selben Familie für die Destillerie arbeiten, und viele davon tun oder taten das während ihres gesamten Erwerbslebens. Das klassische Beispiel dafür ist Douglas Campbell, der letztes Jahr nach 53 Arbeitsjahren bei Tomatin in den Ruhestand ging. Diese Verbindung erzeugt in uns einen spürbaren Stolz auf unseren Whisky. Es ist diese Verbindung zwischen Destillerie und Menschen, die wir zum Beispiel mit dem Tomatin Legacy zum Ausdruck bringen wollen.

Einige der Mitarbeiter bei Tomatin
Einige der Mitarbeiter bei Tomatin

Vom Whisky her ist unsere Seele am besten mit „The Softer Side of the Highlands“, also die sanftere Seite der Highlands, beschrieben. Die schroffe, harte Umgebung der Highlands produziert traditionell robuste, kantige Malts. Tomatin jedoch ist leicht, rund und zierlich.  Er ist sanfter als man es erwartet. Das spiegelt sich in der näheren Umgebung – die Monadliath Mountains, wo der Whisky destilliert wird, sind viel sanfter als die zerklüfteten Gebirgszüge im Westen.

Welches sind die Hauptmärkte für Tomatin? Und auf welche Länder konzentriert ihr momentan eure Aktivitäten?

Für Tomatin als Single Malt ist Nordamerika mit Abstand der größte Markt – und es sieht so aus, als würde das auch in Zukunft nicht anders werden. In den letzten paar Jahren haben wir enormes Wachstum in den asiatischen Märkten wie Taiwan gesehen, aber der asiatische Markt ist auch ziemlich launisch. In dem, was die Robustheit der Märkte anbelangt, sind die Märkte in Westeuropa wie Deutschland, Holland und Belgien, um nur einige zu nennen, sehr wichtig für uns, und wir erleben in diesen „entwickelten Märkten“ Jahr für Jahr beständiges Wachstum. Auch die nordeuropäischen Märkte wie Schweden und Norwegen können sehr ertragreich sein, aber das staatliche Monopolsystem macht es wesentlich schwerer, dort eine Marke zu entwickeln.

Für Tomatin als Gesamtmarke sind Märkte wie Russland sehr wichtig, weil wir dort eine Menge an Blends verkaufen, aber die politische und wirtschaftliche Lage dort ist nicht besonders stabil und das müssen wir immer kurzfristig berücksichtigen.

Die Destillerie Tomatin. Foto: Potstill Wien
Die Destillerie Tomatin. Foto: Potstill Wien

Aber grundsätzlich ist es nicht einfach für uns zu sagen, wir konzentrieren uns auf diesen oder jenen Markt. Wir haben eine breite Produktpalette, und manche Produkte funktionieren auf dem einen Markt besser als auf anderen. Zum Beispiel wird uns unser neuer Tomatin Cask Strength in Westeuropa geradezu aus den Händen gerissen, aber unsere günstigen Blends tun sich hier schwer. Das ist vielleicht auch der wichtigste Aspekt meines Jobs: die unterschiedlichen Bedürfnisse der unterschiedlichen Märkte zu erkennen und entsprechende Strategien dafür zu entwickeln, um das Wissen über unsere Produkte und die Verkäufe bestmöglich zu steigern. Für manche Märkte bedeutet das, dass ich dort mehr Zeit verbringe – aber man kann daraus nicht folgern, dass sie wichtiger für uns wären als andere.

Man hört oft, dass die deutschsprachigen und skandinavischen Märkte sehr einzigartig seien, weil es dort sehr „whiskygebildete“ Konsumenten gibt. Entspricht das Deiner Erfahrung?

Unbedingt. West- und Nordeuropa insgesamt sind wesentlich informierter als alle anderen Regionen. Nirgendwo sonst gibt es so viele Clubs, Vereine und Gesellschaften. Ich habe vorher schon von „entwickelten Märkten“ gesprochen, und das umfasst sowohl Marktstabilität als auch das Wissen der Konsumenten. Schottland treibt mit diesen Regionen ja schon seit Jahrhunderten Handel, und es gab einen substanziellen Austausch von Produkten und Menschen zwischen diesen Ländern, sodass der Whiskymarkt hier sehr etabliert ist. Auch das hat zum wachsenden Wissen beigetragen. Dennoch gibt es natürlich auch hier viele Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben Whisky probieren und eine Menge Fragen dazu haben. Auch das ist mit ein Grund, warum ich so gerne hier arbeite: In einem Augenblick kann ich mit jemandem über Details der Produktion sprechen, im nächsten dann eine viel generellere Diskussion mit jemandem haben, der Tomatin zum ersten Mal probiert.

Der 15jährige Tomatin wurde...
Der 15jährige Tomatin wurde…

Warum hat Tomatin eigentlich den 15jährigen eingestellt und ihn durch einen 14jährigen mit Port Finish ersetzt? War das wegen schwindender Lagerbestände unumgänglich oder wolltet ihr einfach ein Port Finish einführen?

Sowohl als auch. Das Produktionsteam muss immer ein Auge aufs Lager haben  und sicherstellen, dass wir die Bedürfnisse des Marktes von heute befriedigen können, ohne die Qualität des Whiskys von morgen zu gefährden. Wir haben uns entschieden, den 15jährigen aus dem Programm zu nehmen, um das Wachstum des 18jährigen in den kommenden Jahren nicht zu gefährden.

Gleichzeitig sind wir in der glücklichen Lage, auf dem Gelände unsere eigene Fassbinderei zu haben – und das bedeutet, dass wir sehr gut mit verschiedenen Fasstypen experimentieren können. Das gab uns die Möglichkeit, etwas auf den Markt zu bringen, das unsere Kunden von uns noch nicht gesehen haben. Diese Vielseitigkeit wird uns auch in Zukunft helfen, spannende Neuigkeiten präsentieren zu können.

..durch einen 14jährigen mit Port-Finish ersetzt.
..durch einen 14jährigen mit Port-Finish ersetzt.

Die starke Nachfrage nach Scotch muss Tomatin ja ebenso betreffen wie andere Destillerien? Kann man Deiner Meinung nach für so einen Boom überhaupt planen oder ist es eher so, dass die Industrie bei solchen Entwicklungen reagiert und improvisiert?

Wir können Trends beobachten und Strategien um sie herum planen – aber es ist im Endeffekt sehr schwierig zu wissen, was die Industrie machen wird und wann. Man beschreibt die Whiskyindustrie oft als „zyklisch“ mit Boom-Perioden und solchen, wo alles darniederliegt. Uns ist es da in der Vergangenheit nicht anders gegangen. Einst, in den späten Siebzigern, waren wir die größte Destillerie in Schottland. In der Mitte der Achtziger waren wir in Liquidation. Natürlich stecke ich voller Hoffnung, dass die Industrie nicht noch einmal solche Schwierigkeiten wie damals durchleben muss. Und ich glaube: So lange wir einen hochqualitativen Spirit produzieren und auf unsere Lagerhaltung achten, sollten wir in einer guten Position sein, uns an Marktveränderungen anpassen zu können. Die steigende Nachfrage nach Single Malts hat uns, so wie andere Destillerien, dazu gezwungen, unseren Fokus zu verschieben. Das Meiste, was wir früher produzierten, wurde in großen Mengen verkauft und für die Blend-Produktion verwendet. In den letzten zehn Jahren haben wir unsere Strategie geändert und legen nun unser Augenmerk viel stärker auf die Single Malts und die Entwicklung unserer Marken.

Und wie genau habt ihr das gemacht?

Lustigerweise dadurch, dass wir seit den Achtzigern unsere Produktion dramatisch zurückgefahren haben. In den späten Siebzigern waren wir mit 12 Millionen Litern Alkohol die größte schottische Destillerie, mit 23 Brennblasen. Das meiste ging in den Großhandel an andere Unternehmen. Auf diese Art haben nur wenige Menschen von Tomatin gewusst, aber die meisten Tomatin in den berühmten Blends dieser Zeit getrunken. Jetzt produzieren wir viel weniger, ungefähr 2.5 Millionen Liter pro Jahr, aber wir managen unseren Output in einer Art und Weise, dass unser Fokus nun auf den eigenen Marken liegt, auf Tomatin, Cù Bòcan und The Antiquary. Im Jahr 2001 haben wir 11 Brennblasen demontiert, jetzt liegt unsere maximale Kapazität bei 5 Millionen Liter Alkohol pro Jahr, also haben wir noch Luft nach oben, wenn es nötig werden sollte.

Eingang zur Destillerie, Foto von Theorb, Public Domain
Eingang zur Destillerie, Foto von Theorb, Public Domain

Auch die Firma hat sich verändern müssen. Wir haben zum Beispiel jetzt ein Team für Sales und Marketing, das für das Wachstum der Marken in der ganzen Welt verantwortlich ist, und unser Besucherzentrum bietet unseren Kunden einen Einblick in unser Tun.

Und die Veränderungen haben vor der Produktion nicht Halt gemacht. In den letzten paar Jahren, seit Graham Eunson unser Distillery Manager wurde, hat sich zum Beispiel unser Maischprozess  verlangsamt, dadurch erhalten wir eine beständig hochwertige Wort. Auch unsere Fermentation und unsere Destillation dauern nun länger. Diese ganzen Veränderungen haben wir vorgenommen, um unseren neuen Ansprüchen und unserer neuen Ausrichtung gerecht zu werden.

Wir setzen das Interview morgen fort. In ihm geht es dann um die verschiedenen Cù Bòcan-Abfüllungen. Wie sie entstanden sind, und was wir in dieser Reihe und sonst in Zukunft noch erwarten können, erfahren wir im zweiten Teil.

 

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