Tulli_20_yo_fbxSieht man sich die neue Aufmachung der Tullibardine 20yo und 25yo an, dann hat man das Gefühl, schwergewichtige und gehaltvolle Abfüllungen vor sich zu haben. Und sie erweckt durchaus Neugierde, die beiden Flaschen einmal zu verkosten. Genau das habe ich am Freitag getan.

Was zunächst einmal auffällt: Der Preissprung zwischen der 20jährigen und der 25jährigen Abfüllung ist enorm. Schlägt der Tullibardine 20yo in Österreich mit knapp 80 Euro zu Buche, muss man beim 25jährigen bereits knapp 170 Euro auf die Theke legen, um die Flasche erwerben zu können. Bei beiden Abfüllungen bekommt man eine voluminöse Klappverpackung, die wohl hohe Wertigkeit signalisieren soll.

Nachdem die Verkostung nach einigen anderen Drams erfolgte, habe ich mich entschlossen, bei der Beschreibung hier auf die blumigen Erwähnungen der Geschmacksnoten zu verzichten und eher einen Überblick über das gesamte Erlebnis zu geben. Zunächst habe ich mich dem Tullibardine 20yo gewidmet. Er ist mit 43% abgefüllt. In der Nase ist er eher unauffällig – aber nicht unangenehm, das Stechen des Alkohols ist schon sofort nach dem Einschenken verflogen und zurück blieb der Eindruck angenehmer Trinkbarkeit. Getreidig malzig, aber dezent – so könnte man ihn beschreiben.

Am Gaumen dann folgt eine unmittelbare Enttäuschung. 20 Jahre war der im Fass? Man merkt es ihm nicht wirklich an – das könnte ein jüngerer Whisky sein – in einer Blindverkostung hätte ich ihm kaum 12 Jahre gegeben. Wieder bleibt er unauffällig, fast schmalbrüstig – er verstört zwar auch nicht durch seltsame Untertöne, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ich es hier mit einem Allerweltswhisky zu tun hatte. Auch im Finish, das nicht besonders ausgeprägt ist, konnte mich der Tullibardine 20yo nicht überzeugen. Gut, man kann ihn schön trinken, aber er hat nichts Bemerkenswertes, nichts Besonderes, nichts, mit dem man sich geschmacklich beschäftigen möchte. 80 Euro erscheint mir für ihn nicht preiswert.

Wirklich enttäuscht war ich dann allerdings vom Tullibardine 25yo (ebenfalls 43%). Meine spontane Reaktion zu meinem Gegenüber war: „Der versucht seine Belanglosigkeit hinter mehr Holz zu verstecken“. Tatsächlich hat die Abfüllung gegenüber dem Tullibardine 20yo nichts gewonnen, abgesehen von einer intensiveren Holzigkeit. Auch hier: Bemerkenswert unbemerkenswert, ohne Ecken und Kanten und damit ohne wirklichen Charakter. In meinen Augen mit 170 Euro eklatant überbezahlt.

Verglichen mit meinem Lieblings-Tullibardine (18y, Single Cask Edition / John Black’s Selection, 1992, Fass 15022, 53.8%) sind die beiden neuen Abfüllungen tatsächlich eine herbe Enttäuschung. Aber auch ohne diesen Vergleich finde ich sie mit einem einzigen Wort am Besten beschrieben: Belanglos.

( Anmerkung: Verkostungsnotizen sind immer subjektive Eindrücke und damit persönliche Wertungen. Sie können die eigene Erfahrung nicht ersetzen. Wir ermutigen Sie daher, sich nicht auf fremde Bewertungen zu verlassen sondern sich Ihre eigene Meinung zu bilden. Welche Verkoster eine Referenz für Ihre persönlichen Vorlieben sein können, stellt sich mit der Zeit heraus)