Einer der anerkanntesten deutschen Experten bei internationalen Spirituosen-Wettbewerben ist Bernhard Schäfer. Der Master of the Quaich und Gründer des ältesten Whiskyclubs Deutschlands verkostet seit 1997 regelmäßig bei nationalen und internationalen Spirituosen-Wettbewerben und kennt die Gepflogenheiten dort wie kaum ein Zweiter.

Bernhard Schäfer bei Balvenie

Wir haben Bernhard Schäfer gebeten, unseren Lesern einen kompetenten Blick hinter die Kulissen dieser Competitions zu gewähren. Wie funktionieren die Wettbewerbe? Wie sieht die Jurierung aus? Und welchen Wert haben die Medaillen und Preise, die dort vergeben werden? Lesen Sie hier seinen exklusiven Beitrag für Whiskyexperts:


Spirituosenwettbewerbe näher betrachtet

Bestimmt ist es Ihnen bereits aufgefallen: Auf manchen Flaschen sind zusätzlich zum Etikett Medaillen aufgeklebt oder gedruckt. Diese stammen von diversen Spirituosen Wettbewerben – und was es damit auf sich hat, soll hier einmal erläutert werden.

Generell funktionieren diese Wettbewerbe so, dass Hersteller dort ihre Produkte einreichen und dafür zahlen. Die Gebühren sind unterschiedlich hoch, meist aber im Bereich zwischen 100€ und 150€ pro Produkt. In der Regel müssen pro Sorte auch mehr als eine Flasche eingereicht werden.

Für kleine Hersteller, einzelne Brenner zum Beispiel, kann das bereits zu einer erheblichen finanziellen Belastung führen, und diese reichen deswegen ihre Spirituosen oft gar nicht erst ein. Bei großen Unternehmen ist die Einreichgebühr natürlich nur ein kleiner Posten, der nicht so ins Gewicht fällt.

Interessant ist, dass manche Global Player bei einer prestigeträchtigen Marke mit einer Auszeichnung erst dann werben, wenn sie aus der höchsten Kategorie stammt – eine „geringere Auszeichnung“ würde in den Augen der Erzeuger dann am bereits erstklassigen Image kratzen.

Hat ein Veranstalter genügend Spirituosen für den Wettbewerb erhalten, geht es an die Verkostung. Hier gibt es natürlich auch eine Reihe von Unterschieden. Das beginnt bei der Qualität der Juroren. Natürlich lobt zwar jeder Wettbewerb seine eigenen Degustatoren über den grünen Klee, schließlich ist deren Urteil ja die Grundlage für die Bewertung und mögliche Auszeichnung, aber man kann durchaus die Frage stellen, ob wirklich alle, die bei solchen Wettbewerben dabei sind, genügend Ahnung von der Materie haben.

Bernhard Schäfer während einer Jurierung

Manchmal will man einfach ein breites Spektrum an Personen aus der Branche einbinden. Um ein etwaiges Manko in der fachlichen Besetzung auszugleichen, ist es fast immer so, dass eine einzelne Jury nicht nur aus mehreren Personen besteht, sondern dabei auch ein Mittelwert aus den Bewertungen geschaffen wird, der als Korrektiv wirkt.

Es gibt auch Wettbewerbe, die besonders auf die Qualität der Verkoster achten und schon bei der Auswahl der Juroren sehr strenge Maßstäbe anlegen. Ein weiterer Hinweis auf dien Qualität des Wettbewerbs kann sein, wie lange dieser bereits besteht und wie offen gezeigt wird, wer in der Jury sitzt.

Knackpunkt Verkostungsdesign

Neben den Verkostern spielt das „Design“ der Verkostung eine erhebliche Rolle. Die Mindestvoraussetzung für eine faire Bewertung ist zunächst, dass es sich um eine Blindverkostung handelt. Die Verkoster sollen also nicht die Marke kennen, sondern nur die mehr oder minder grobe Kategorie.

Bei den meisten Wettbewerben kommen die Spirituosen in „Flights“, also mehrere zusammenpassende Spirituosen auf einmal. Ein „Flight“ könnte zum Beispiel sein „Islay Whisky 5 bis 10 Jahre“, wobei fassstarker Whisky in einer eigenen Kategorie landet.

Der nächste Punkt im Verkostungsdesign ist, wie bewertet wird, also nach welchem Schema, wie viele Punkte wofür verteilt werden können und wie viele für eine Auszeichnung nötig sind.

Ist die Zahl der Verkoster pro Team größer als fünf, dann gibt es Wettbewerbe, die die höchste und niedrigste Bewertung streichen. Hier ist der Hintergrund, dass Maxima und Minima zu viel Einfluss haben könnten, oder auch dass der eine oder andere Verkoster ein Produkt erkennt und dadurch zu sehr beeinflusst sein könnte.

Nach der Arbeit das Vergnügen: Bernhard Schäfer und Charles McLean

Gute Wettbewerbe versuchen in einer Verkostung zu verhindern, dass Hersteller ihre eigenen Produkte verkosten.

Bei manchen Wettbewerben werden von den Verkostern auch noch Verkostungsnotizen abgefragt. Dies kann standardisiert erfolgen oder man bespricht sich, nachdem die Punkte verteilt wurden und erstellt die Verkostungsnotizen gemeinsam.

Zu beachten ist auch die Anzahl der gesamten Proben und damit, wie sehr die Verkoster beansprucht werden und wie groß die Zahl der Vergleiche ist.

Ein Spezialfall sind dann noch Wettbewerbe die nicht „alles“ annehmen sondern sich auf eine Spirituosengattung spezialisiert haben. So gibt es zum Beispiel in Peru eine Landesmeisterschaft für Pisco, die Verkoster dort sind dann spezialisierter als zum Beispiel eine Jury aus Belgien und deren Urteil mag dadurch aussagekräftiger sein.

Die Medaillen – das Gold der Spirituosen

Wie kommt es nun zu den Medaillen bei den Wettbewerben? Im Ursprung haben sich die Wettbewerbe am olympischen Vergabeprinzip orientiert, also Gold, Silber und Bronze pro Kategorie.

Da die Organisatoren aber immer auch ein wirtschaftliches Interesse haben und mehr Medaillen in der Regel zufriedenere Kunden bedeuten, ist das heute anders. Es gibt Wettbewerbe die neben den klassischen drei  Auszeichnungen auch noch „großes Gold“ oder „Doppel Gold“ oder auch „Platin“ als Auszeichnung eigeführt haben.  Für den Verbraucher kann das sehr verwirrend sein, denn dieser sieht eine Goldmedaille auf einer Flasche kleben und denkt, dass dies nun eine absolute Top-Wertung sei, ohne zu wissen, dass es ja vielleicht noch eine bessere Bewertung gegeben hat.

Allerdings muss auch gesagt werden, dass nicht automatisch das beste Produkt in einem „Flight“ oder einer Kategorie auch die höchste Auszeichnung erhält – es muss immer auch die entsprechende Punktzahl erreicht werden, um überhaupt „preiswürdig“ zu sein. 

Es gibt weiters auch Wettbewerbe, die nur eine maximale Menge an Medaillen vergeben, also x% der eingereichten Proben. Wurde von den Verkostern mehr verteilt, dann wird die Punktzahl die für eine Medaille notwendig ist, nach oben geschraubt. Diese „Medaillenverknappung“ erhöht dann natürlich deren Wert.

Als wäre das nicht schon verwirrend genug, gibt es Wettbewerbe, die zusätzlich „Trophäen“ für einzelne Produktkategorien verteilen, also zum Beispiel bester „Gin des Jahres“ oder bester „Single Malt“. Dies geschieht bei guten Wettbewerben durch eine andere Jury als jene. die die ursprüngliche Auszeichnung vergeben habt.

Was ist nun von Medaillen auf einer Flasche zu halten?

Zunächst sagt die Auszeichnung nicht, dass einem das Produkt auch schmecken muss. Auch ist eine einzige Medaille, die ein Produkt irgendwann gewonnen hat, nicht etwas, dass man zu hoch bewerten darf.

Hat eine Spirituose in einem Jahr von verschiedenen Wettbewerben gute Noten bekommen oder über Jahre hinweg immer wieder eine Medaille, so ist das schon von einer gewissen Aussagekraft. Aber von welcher? Nun eigentlich nur, dass das, was auf dem Etikett versprochen wird, auch wirklich gehalten wird und dass das Produkt innerhalb dieses Versprechens einen sensorischen Vorsprung vor den anderen Produkten dieser Kategorie hat.

Am Ende muss der Verbraucher selbst entscheiden, und das geht „leider“ nur durch selber testen.

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