Dienstag, 11. Mai 2021, 06:07:10

Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland von Uli Franz (Folge 3)

Über 1500 Kilometer zu siebzehn schottischen Brennereien


Wir freuen uns, Ihnen jeden Sonntag ein Stück einer wunderbaren Geschichte über Schottland, Whisky und das Reisen vorstellen zu dürfen: Exklusiv im Vorabdruck präsentieren wir Ihnen Whisky Cycle, das neueste Buch von Uli Franz.

Uli Franz lebt als Schriftsteller im Chiemgau und auf der dalmatinischen Insel Brac’. Von 1977-80 arbeitete er als Zeitungskorrespondent in Peking. Über China und Tibet veröffentlichte er zahlreiche Bücher. Zuletzt erschienen Radgeschichten und „Die Asche meines Vaters“ (Rowohlt Verlag).

Franz‘ heimliche Liebe gilt Schottland und dem Wasser des Lebens. In Whisky Cycle entführt er den Leser auf ca. 280 Seiten nach Schottland, wo er in fünf Wochen 1.500 Kilometer auf dem Fahrrad zurücklegte. Seine Besuche in 17 großen und kleinen Destillerien waren verbunden mit Tastings und der Suche nach dem perfekten Schluck – the perfect dram.

Das Buch ist auch ein Stück Autobiografie. So steht am Anfang eine Jugendsünde, ein Vollrausch im Alter von siebzehn, den ihm der fahrlässige Umgang mit dem legendären VAT 69 einbrachte. Dieser Rausch hatte zur Folge, dass er zwanzig Jahre lang Whisky weder riechen noch schmecken konnte. Erst dann wich die Abscheu einer immer stärker werdenden Neugier. Auf der Radreise durch Schottland fand dann die endgültige Aussöhnung statt. Aus diesem Grund endet das Buch mit einer Verkostung des Jugendwhiskys VAT 69 an einem Ort, wo die schottische Whiskygeschichte ihren Anfang nahm.

Das Buch Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland (ca. 320 Seiten)  erscheint am 01.02.2021 im Alba Collection Verlag GbR. Es kann bis zum 15.01.2021 zum Einführungspreis (Subskriptionspreis) von 16,- Euro hier vorbestellt werden.

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Die Radtour zu 17 schottischen Destillerien. Karte von Alba Collection

Kommen Sie also mit auf eine Reise durch die Zeit – und zu 17 Brennereien in Schottland:


-hier geht es zur Folge 2-

Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland von Uli Franz (Folge 3)

Schon drängt sich die Frage auf: gibt es den perfekten Schluck überhaupt? Ich meine: ja! Allerdings nicht an sich, nicht generell, sondern gleich einem Fingerabdruck nur individuell. Der perfekte Schluck ist flüchtig wie das Lebensglück. Zumal sich die Sinneswahrnehmung stündlich, täglich, ein Leben lang wandelt. Was morgens nach dem Aufstehen wunderbar mundet, kann abends scheußlich schmecken und umgekehrt. Was im Winter eine Gaumenfreude, könnte im Sommer nicht fader sein. Unsere olfaktorische und gustatorische Wahrnehmung verändert sich von der Geburt bis ins hohe Alter beträchtlich. Verlangte der Säuglingsgaumen noch nach süßer Muttermilch, so dürstet es den gereiften und raffinierter gewordenen Gaumen eher nach trockener Würze mit einer zarten Note von Bitterkeit. Papa braucht nur mal am Fläschchen seines Babys zu nuckeln, schon wird seine Zungenspitze die pampige Süße abstossend finden. Die Zuckerwattensüße, die ein Kind als himmlische Schleckerei empfindet, ist für Senioren keineswegs lecker.

Die Qualität eines Gourmet-Restaurants bewertet der Feinschmecker mit einer oder mehreren Kochhauben. Sterne werden für die Qualität von Hotels und allerhand Konsumgüter vergeben. Die Eigenschaften einer Zigarre erfährt der Aficionado aus der Anzahl symbolischer Tabakblätter – so signalisiert ihm ein einzelnes Blatt Sanftheit, fünf Blätter starke Würze. Dem Sommelier gibt die Anzahl an Gläsern Aufschluss über die Qualität eines Weins.

Eine derartige kategorische Benennung brachte mich als Radfahrer auf die Idee, das Stützrad als Symbol einer Güteskala für Whiskys zu verwenden. Meine Rad-Whisky-Skala muss allerdings mit einem Augenzwinkern verstanden werden, denn Stützräder sind eine unsinnige, aber nicht totzukriegende Hilfskonstruktion für Kinderräder, damit die Kleinen beim Erlernen des Radfahrens nicht umfallen.

Wieviele Stützräder ein Whisky in meiner Bewertungskala erhält, hängt von der Qualität seiner Farbe, seiner Aromen und seines Geschmacks ab. Die Anzahl von vier Stützrädern entspricht der höchsten Qualität, denn vier Stützräder deuten an, dass dieser Tropfen so göttlich mundet, dass der Cyclist von diesem Whisky nicht genug bekommen und seine Fahrtüchtigkeit nur mit vier Stützhilfen, zwei vorne und zwei hinten, aufrecht erhalten kann. Ein mit vier Stützrädern bewerteter Schluck darf sich the perfect dram nennen. Ein Vier-Stützräder-Whisky zeichnet sich durch einen Spannungsbogen an Aromen und Geschmacksnuancen aus und hinterlässt im Abgang eine samtig weiche, memorable Spur, von der man noch lange schwärmen kann. Gerade der Nachhall ist beim Whisky von großer Wichtigkeit, da er aufgrund seines dichten Alkoholgehalts ein anhaltendes Brennen im Mundraum entfacht.

Ein Whisky, mit drei Stützrädern bewertet, ist ein Whisky mit tollen Aromen und Geschmacksnuancen, der dann allerdings beim Abgang schnell an Charakter verliert und beim Verschwinden leider nur noch eine holzige Eichennote mit Kratzen am hinteren Gaumen und im Schlund hinterlässt. Ein Whisky in der Dreier-Kategorie schmeckt zweifelsohne gut, aber es fehlt ihm im Bukett der Überraschungseffekt an widerstreitenden Aromen wie Orange contra Schokolade oder Lakritze contra Pfeffer. Wohlgemerkt: drei Stützräder entsprechen immer noch einem guten Malt, dessen Abgang allerdings etwas ruppig ausfällt und der vom vordergründigen, schlecht eingebundenen Alkohol beim Abschied ein Brennen in der Speiseröhre und im Magen hinterlässt. Gerade der letzte Eindruck, sozusagen der Händedruck vor dem Weggehen, entscheidet über die feine Differenz zwischen drei und vier Stützrädern. 

Zwei Stützräder definieren einen Whisky, der in der Nase und auf der Zunge eindimensional und ohne die Einheit von Gegensätzen daher kommt. Damit ist gemeint, ihm fehlt die Fähigkeit zum Kräftemessen zwischen Orange und Lakritze oder zwischen Schokolade und Leder oder zwischen Rauch und Zitrone, also der Gegensatz von erdig und fruchtig. Ein Zwei-Stützräder-Malt bewegt sich in einem schmalen Korridor der Aromen und des Geschmacks, außer fruchtig, süßlich und bitter kennt er keine Raffinesse.

Ein Malt, bewertet mit einem Stützrad, erzeugt einen Kitzel in der Nase und auf der Zunge, aber seine Textur hinterlässt keine Gravur. Er ist flüchtig, als wäre dieser Schluck ein Quentchen schnabulierter Luft. Nun ist der Ein-Stützrad-Malt keinesfalls minderwertig, er ist nur ein Luftikus, der am Gaumen und im Nasenraum keine Signatur hinterlässt. Als Kurzer am Tresen oder als Magenöffner vor dem Essen mag er gute Dienste tun, aber zu mehr fehlt ihm das gewisse Etwas. 

Inmitten von Torf

Klein, schwarz und verzerrt huschte der Schatten eines Fahrrads die Straßenmauer entlang und das schwarze Trikot des Fahrers glänzte wie lackiert vom Sonnenlicht, das über der Insel Islay[1] erstrahlte.

Aus Port Ellen kommend, bog ich gut gelaunt von der Straße ab und lenkte das Rad auf ein Wäldchen aus Mooreichen zu. Unter ihren Kronen ging es an einem Bächlein entlang und auf feuchtem Torfboden weiter. An diesem schönen Morgen interessierte mich allerdings die Inselbotanik herzlich wenig, zügig hielt ich auf das Portal in einer Steinmauer zu und bremste auch nicht, als mir ein rotweißes Stoppschild das Anhalten befahl. Erst auf dem menschenleeren Hof inmitten weißgetünchter Gebäude mässigte ich den Tritt in die Pedale und ließ das Rad ausrollen.

Träge Sonntagsruhe lag über den Gebäuden, nur gelegentlich strich ein Lüftchen die weißen Wände entlang und trug das Glucksen von Wasser herüber. Das Glucksen kam vom Meer, das sich gleich hinter den Gebäuden verbarg. Die weiße Fabrik stand in einer Bucht, so nahe am Ufer, dass ihre Fundamente bei einer Springflut hoffnungslos überschwemmt worden wären. Auf einer der Wände, die fensterlos und kahl in den Himmel ragten, war riesengroß ein Schriftzug gemalt. LAPHROAIG[2] stand da schwarz auf weiß, so groß gemalt, dass dieser weltberühmte Name selbst von den Passagieren der Caledonia Fähre, die spielzeuggroß den Horizont befuhr, gelesen werden konnte.

 Die Gebäude der Destillerie im Rücken, ließ ich das Rad mit schlenkernden Beinen auf einer betonierten Rampe ausrollen. Das Kreischen der zankenden Möwen über den Dächern hörte ich jetzt nur noch von ferne, all meine Aufmerksamkeit war auf das Glitzern und Blinken des blauen Wasserspiegels gerichtet, und dort sah ich millionenfach Funken, wie von Wunderkerzen sprühend, tanzen und hüpfen. Aus dem Sattel sprang ich wie elektrisiert und ließ das Rad zu Boden gleiten. Schon lief ich so nahe an das Meer heran, dass der Algenteppich meine Turnschuhspitzen berührte. Sehnsüchtig schaute ich über die weite Bucht hinaus auf das offene Meer, hinter dessen Horizont Irland lag.

Hier wollte ich verweilen und einfach schauen. Mit locker ausgestreckten Beinen fläzte ich mich auf ein Mäuerchen und erfreute mich am Glitzertanz vor meinen Augen. Als ich langsam zur Ruhe kam, vermeldete die Nase kleine Sensationen – Luftgewürze, wie sie nur die nordische Küste kennt. Salzige Gewürze erschnupperte die Nase, Gewürze, gebündelt in der salzigen Luft, vermischt mit des Wassers trockener Bitterkeit und der fischigen Süße des Tangs und der Algen. Exakt diese Aromen des Wassers, der torfigen Erde und der minzefrischen Luft, die in Schottland allerorts zu erleben sind, wollte ich auf meiner Reise in einem Dram Whisky wiederfinden.

Das Dram, ursprünglich ein Apothekermaß von vier Gramm, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem gälischen Ausdruck für einen herzhaften Schluck – was ein Schluck Single Malt, ein irischer Whiskey, aber auch ein amerikanischer Bourbon, gar ein Schluck Gin oder ein Wodka sein kann. Heutzutage verstehen die Schotten unter Dram allerdings einen rachenfüllenden Schluck, also viel mehr als nur einen gut gehäuften Teelöffel oder exakt abgewogene vier Gramm. Großzügig bemessen kann das Dram von heute die erstaunliche Menge von fünfzehn Teelöffeln ausmachen. Diese Varianten und Veränderungen lernte ich auf meiner ausgedehnten Radtour immer wieder kennen, deshalb benutze ich den Begriff „Dram“ für ein bescheiden gefülltes Verkostungsglas, was einem kultivierten Männerschluck entspricht.

Natürlich hatte ich die weißen Gebäude, die beiden Pagodentürme und den hohen Ziegelschornstein, die fensterlosen Lagerhallen und den Mälzboden, das ganze Puzzle einer immer wieder erweiterten Fabrik, bei meiner Ankunft in der Brennerei Laphroaig bemerkt, aber nicht wirklich wahrgenommen, weil meine Sehnsucht nach dem offenen Meer so überwältigend war. An der Irischen See sitzend und zeitvergessen träumend, hatte ich mein großes Vorhaben, von Destillerie zu Destillerie zu radeln, tatsächlich für Minuten vergessen.

Nachdem ich mich sechs Tage im Landesinneren abgemüht hatte, um die 210 Kilometer von Edinburgh bis an die Südküste der Insel Islay unter die Reifen zu bekommen, erinnerte ich mich jetzt wieder an das Motto „sip & cycle“ und lenkte mein Augenmerk auf die Brennerei in meinem Rücken.

Wirklich! Sie war alles andere als schön, sie war durch und durch funktional konzipiert, ein pragmatisches Menschenwerk, das in seiner schnörkellosen Fabrikgestalt den Schoß einer Meeresbucht besetzte. Blockische Gebäude mit grauen Schieferdächern und dunkles, rostanfälliges Blech auf den geschwungenen Dächern der Pagodentürmchen bildeten ein Ensemble, das hinter kalkweißer Monochromie all die vielfältigen Funktionen des Whiskymachens versteckte.

Der Ziegelschornstein rauchte nicht, denn sonntags wird in Schottland weder gemälzt noch gebrannt. Sonntags fahren auch keine Laster, die Whisky in ihrem riesigen Tank transportieren. So stand der Truck mit dem Edelstahltank als einziges Vehikel im Fabrikhof still wie ein Monument des Automobilzeitalters. Der Fahrer würde erst morgen wiederkommen, um den Tank mit 27.000 Litern Bulkwhisky zur Festlandfähre in Port Ellen und nach der Seepassage über Land nach Glasgow zur Flaschenfüllfabrik zu fahren.

Sonntags werden allerdings Touristen empfangen und Whiskyflaschen und Whiskygläser und Whiskyhandseifen und Whiskylotionen und Whiskygebäck verkauft. Auch Kugelschreiber und schwarze T-Shirts und Gore-Tex-Jacken mit dem Destillerie-Logo können als Souvenir erworben werden. Früh am Sonntagmorgen war ich auf dem Firmengelände eingetroffen. Noch war das Visitors Center auf dem ehemaligen Mälzboden geschlossen, erst um 10 Uhr sollte es wie all die anderen Center in Schottland für Besucher öffnen. Mir blieb also noch die Zeit einer halben Stunde. Nach dem Schauen aufs Meer stand ich gemächlich vom Ufermäuerchen auf, hob ohne Hast das abgelegte Fahrrad am Sattel und am Lenker hoch und schob es bedächtig bis dicht vor den Eingang des Hauptgebäudes, wo ich kurz überlegte: soll ich mein Ein und Alles am Geländer anschließen oder unlocked parken? Nach meinen Erfahrungen in der zurückliegenden Woche wird in Schottland nicht geklaut, schon gar nicht auf einem Firmengelände. Trotzdem entschied ich mich für die sichere Variante, denn ohne mein Rad hätte ich gleich einpacken können.

In schwarzen Radklamotten – Windstopper, Trikot und Thermohose über der gepolsterten Radhose – trat ich nach geduldigem Warten durch eine sehr alte genietete Eisentür in eine Halle mit Balkendecke. Staunend über die enorme Saalgröße blickte ich mich im ehemaligen, nun umfunktionierten Mälzboden um. Auf gusseisernen Säulen ruhten Deckenbalken mit einer Spannweite von über sieben Metern, alte Balken, die aufgearbeitet worden waren. Alt, ebenfalls aufgearbeitet, strahlte das dunkle Rot der Backsteinziegel an den niederen Wänden. Eine Fensterfront erhellte den Saal und sorgte für flutende Lichtkaskaden. Emsige Hände richteten auf einer groben Holztheke Tabletts mit Hunderten von Gläsern für den sonntäglichen Ansturm her. Als ich das Gläserheer erblickte, war ich froh, so früh gekommen zu sein. Gewiss würde es im Saal schon bald von Whiskytouristen nur so wimmeln.

(hier geht es zur nächsten Folge)


[1] ai-la

[2]  lah-froyg  „die schöne Niederung an der breiten Bucht“

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