Mittwoch, 01. Dezember 2021, 04:06:27

Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland von Uli Franz (Folge 46)

Über 1500 Kilometer zu siebzehn schottischen Brennereien - von Huntly zu Glen Garioch

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Uli-Franz-im-Kilt-Mackenzie.jpg

Wir freuen uns, Ihnen jeden Sonntag ein Stück einer wunderbaren Geschichte über Schottland, Whisky und das Reisen vorstellen zu dürfen: Exklusiv auf Whiskyexerts präsentieren wir Ihnen Whisky Cycle, das neueste Buch von Uli Franz, als Fortsetzungsgeschichte.

Uli Franz lebt als Schriftsteller im Chiemgau und auf der dalmatinischen Insel Brac’. Von 1977-80 arbeitete er als Zeitungskorrespondent in Peking. Über China und Tibet veröffentlichte er zahlreiche Bücher. Zuletzt erschienen Radgeschichten und „Die Asche meines Vaters“ (Rowohlt Verlag).

Das Buch Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland (ca. 320 Seiten) ist momentan in der ersten Auflage vergriffen – über Neuigkeiten zu Bestellmöglichkeiten werden wir Sie natürlich rechtzeitig informieren.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist karte-fuer-text.jpg.
Die Radtour zu 17 schottischen Destillerien. Karte von Alba Collection

-hier geht es zur Folge 45-

Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland von Uli Franz (Folge 46)

Die angesäuselten Fans im Schankraum schrien manchmal auf, schimpften, gestikulierten und protestierten über das Hin und Her, das Stop and Go auf dem Fußballfeld auf der Mattscheibe. Derart laut wurde kommentiert, dass der Lärm bis nach draußen flutete und Passanten anzog oder abstieß. Da ich mich nur mittelmässig für Fußball interessiere, setzte ich mich abseits auf eine lange, mit rissigem roten Kunstleder bezogene Wandbank. Was für ein majestätischer Sitzkomfort, verglichen mit dem geizigen Sattelsitz, mit dem ich mich am Tag meines Abschieds von den Highlands und an all den Tagen zuvor hatte begnügen müssen.

Am Nebentisch beugte sich das Elend über ein leeres Glas, ein magerer Alter, der sprach, als fehlten ihm alle Zähne und so laut, als hörte er auch noch sehr schlecht. Zu seinen Füßen kauerte ein Cocker Spaniel, nicht jünger und frischer als sein Herr. Tief beugte sich der Magere zu einem Kumpel mit Schlapphut, unter dessen breiter Krempe nur eine violette Nase hervorschaute. Unter dem Schlapphut drangen gelallte gälische Laute hervor, die mich näher rücken ließen. Das Männerpaar am Nebentisch war derart in sein Zwiegespräch vertieft, dass es keine Notiz von mir nahm. Dreist horchte und glotzte ich zu den beiden hinüber und dabei kam mir Mark Twains Spruch in den Sinn „Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde“.

Der Hund mit der grauen Schnauze schien jedes Wort der zungenschweren Unterhaltung zu verstehen oder bereits zu kennen. Immer wieder legte er seinen ergrauten Kopf schräg und schaute nach oben. Anders als die beiden Männer, schien er nicht durstig zu sein, den gefüllten Napf auf dem schwarzgetretenen Dielenboden ließ er unberührt stehen.

Da keine Bedienung zu mir herüber kam, ging ich an die Theke, um das wohlsortierte Whiskysortiment zu studieren.

Schon viel hatte ich von Balvenie[1] gehört, aber noch keinen probiert. Es wurde also langsam Zeit, dies nachzuholen, denn Balvenie ist eine traditionelle Speyside Brennerei und genießt einen guten Ruf in der Szene.

„Was darf’s denn sein, mein Herr?“, fragte mich die Wirtin mit der roten Brille, die wie ein klitzekleines Fahrrad auf ihrer Nase saß.

„Den Balvenie Carribbean Cask, dort!“

„Eine gute Wahl, macht 4,20 Pfund.“ Die Wirtin nickte und lächelte, als hätte ihr der deutsche Radler für die extravagante Radbrille ein Kompliment gemacht. Schon beim Öffnen der Schwingtür hatte sie in mir den Durchreisenden erkannt, das hätte ich spätestens jetzt schwören können. Dankend bezahlte ich das Dram und schlenderte zurück zur leeren Kunstlederbank. Das moderat gefüllte Dram stellte ich auf dem Rundtischchen vor mir ab und betrachtete das Eichengold am Glasboden mit Wohlgefallen.

Dank milder 43 % vol. pirschte sich der Balvenie auf Samtpfoten an. Beim ersten Schnuppern umwolkte ganz viel Fruchtigkeit die Nase: Aromen von Zitrus, Feige und Ananas taten sich auf, toll, dieser exotische Reigen! Mit dem ersten Nippen gesellte sich der Geschmack von Toffee und Rosinen hinzu. Prächtig ausbalanciert, Süße und Frucht, keinesfalls plump und vordergründig wie bei einem Likör, sondern trocken mit einem pfeffrigen Schwänzlein. Der Früchtekorb bestimmte sogar noch die ganze Länge eines Abgangs mit wärmenden Holztönen. Für den Neuling, eine große Überraschung, dieser Balvenie, der sein Finish in Ex-Rumfässern erhalten hatte. Ohne lange zu überlegen, gab ich ihm vier Stützräder und notierte ihn als neuste Errungenschaft in der Liste der Perfekten. Er war die Nummer 7. Obwohl ich zu Fuß unterwegs war, beließ ich es an diesem Abend bei einem Dram, immerhin einem perfekten. Noch länger liebkoste der Carribbean meinen Mundraum und begleitete mich durch das schlafende Huntly zur Herberge gegenüber von fish & chips.

Von wegen Sonntagsfahrverbot für den Schwerlastverkehr! Wir hatten Sonntag, noch den ganzen Tag, aber die Laster donnerten bereits frühmorgens im Doppel- und Dreierpack dahin, dass mir die Luftwellen gehörig aufs Trommelfell schlugen. Gleich hinter dem Ortsschild von Huntly war ich mittendrin, mitten im brausenden Verkehr. Auf der A 96 hetzte die eine Kolonne nach Inverness, die andere nach Aberdeen. Auf einer Hauptschlagader des Güterverkehrs pulsierte der Verkehr zwischen den beiden Hafenstädten. Die Zähne zusammengebissen und durch – so lautete die Devise für die nächsten 15 Kilometer, die ich als lächerliche Randfigur entlang der weißen Seitenbegrenzung bewältigen musste. Versöhnt wurde ich allerdings durch das prächtige Wetter und die Sanftheit einer gewaltigen Ebene. Gewiss ist auch Aberdeenshire hügelig, aber diese Hügel sind streichelsanft, ausgestattet mit Rundungen wie ein gutgenährter Körper. Anders als am Vortag war mir das Luftelement wohlgesonnen, so dass ich die Landschaft trotz des Autogewusels vom Sattel aus genießen konnte.

Was sofort ins Auge stach, waren die vielen Windkrafträder, die wie Finger nach den Schönwetterwolken zu greifen schienen. Ringsum reihten sich abgezirkelte Felder aneinander, saftig grüne Gerstefelder, deren Grenzen erst tief im Horizont miteinander verschmolzen. Der Osten ist Schottlands Kornkammer, seine Weite bietet die Chance für eine gewaltige Einfruchtkultur. Da das Klima hier milder als in den bergigen Highlands ist, standen die jungen Halme bereits eine Handbreit höher als dort. Die ökologische Problematik von Monokulturen blendete ich aus und betrachtete nur das universale Gefüge aus Himmel und fruchtbarer Erde, aus sphärischer Leere und Erntereichtum und schon überkam mich ein Glücksgefühl.

Dieses Gefühl erwächst zum einen aus der Langsamkeit, die jedem Radler frei zur Verfügung steht. Zum anderen aus der Balance auf dem Rad, die man mit einem Satteltanz vergleichen könnte. Wohlwissend, dass beim tänzerischen Balancieren auf dem Rad Rhythmus und Choreographie von Wind, Regen und Sonnenschein bestimmt werden. Natürlich auch, dass Tänzerin und Tänzer die Kunst des Balancierens beherrschen müssen. Doch diese Konzentration, dieses Zentrieren auf die Radbalance, erweist sich als überaus nützlich für das Balancieren im Leben allgemein. Zumal in einer Zeit, in der alle von der Work-Life-Balance reden.

Natürlich gibt es heutzutage viele Chancen und Wege, sich auszubalancieren. Doch das Radfahren ist eine besondere Form des ausgewogenen Bewegens, die den aufrechten Gang mit der Leichtigkeit der modernen Mechanik kombiniert. Nur zu gehen, das ist für einen unruhigen Geist zu öde, zu schwerfällig. Andererseits, alle Arbeit einer Maschine zu überlassen, widerspricht der Selbstständigkeit und ist ein zu geringer Aufwand an Körpertätigkeit. Aus diesem Grund wählte ich für meine schottische Reise ein leichtes Tourenrad mit einer gangreichen Kettenschaltung.

* * *

In Huntly war ich frühmorgens aufgebrochen und in Oldmeldrum früh am Nachmittag eingetroffen. Nach Oldmeldrum hatte mich die Suche nach dem Geburtsort meines Jugendwhiskys gelockt. Mit dem Besuch in diesem ländlichen Städtchen wollte ich endgültig das Trauma meines Komarausches überwinden und erreichen, dass die Wunde im Kopf für immer verheilt und nie wieder aufbricht.

Um den Geburtsort meines Schicksalwhisky ausfindig zu machen, hatte ich bereits zu Reisebeginn in Edinburgh nachgeforscht und herausgefunden, dass der VAT 69 von der Firma Sanderson & Son Ltd. Edinburgh, 5 Lochside Way vertrieben wird. Es war also naheliegend, dass ich aus dem Edinburgher Telefonbuch die Nummer von Sanderson & Son Ltd. herausfischte und bei der Firma anrief. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Stimme – nein, dort meldeten sich mehrere Stimmen, die mich weiterverbanden, gefühlte zehn Mal wurde ich weitergereicht, weil niemand über diese Firma Bescheid wusste. Nachdem ich mich durch das Dickicht von Firmenverflechtungen gekämpft hatte, dämmerte mir allmählich, dass es sich bei der einst so berühmten Firma Sanderson & Son Ltd. inzwischen um eine eingemottete Firma handeln musste, die nur noch als Rechtsform im Handelsregister existierte. Und schließlich, am Ende der ganzen Telefoniererei, wusste ich mit Bestimmtheit, dass Sanderson & Son Ltd. inzwischen zum allseits bekannten Spirituosengiganten Diageo gehört. Was sich in den Telefonaten ebenfalls herauskristallisierte, war das Faktum, dass der VAT 69 noch immer von der Destillerie Glen Garioch[2] in Oldmeldrum gebrannt wurde. Nun gehört diese Brennerei allerdings nicht zu Diageo, sondern seit dem Jahr 2014 zur japanischen Beam Suntory Gruppe.

Soweit die Vorgeschichte, warum und weshalb ich von Huntly kommend, nach Oldmeldrum geradelt war. Einmal abgesehen von den hektischen 15 Kilometern im motorisierten Gewusel, konnte ich den größten Teil der Strecke von Huntley ins östlicher gelegene Oldmeldrum auf einer wenig frequentierten Nebenstraße fahren und gelangte schon nach vier Stunden ins 2000-Seelen-Städtchen, wo mir ein gepflegtes Landhotel auf dem Hügel die Tür zu einem Zimmer mit Bad und Veranda öffnete.

Nach einer Katzenwäsche schwang ich mich gleich wieder in den Sattel und flitzte von Gepäck befreit den Hügel hinab und mit dem Schwung der Schwerkraft eine Allee entlang, an deren Ende mich über den Laubkronen ein Zwillingspaar von Pagodendächern begrüsste.

Kaum, dass die Baumallee hinter mir lag, baute sich wie ein kantiger Felsblock das Fasslager von Glen Garioch auf. Das fensterlose Gebäude lenkte den Verkehr auf einer winzigen Straße in das Ensemble mehrerer Steinhäuser hinein. Schon fuhr ich durch ein offenes Tor und landete auf dem Brennerei-Hof zwischen graubraunen Fassaden. Nackte Bruchsteinmauern lieferten den Beweis, dass Glen Garioch eine sehr alte Brennerei war: erbaut anno 1797, aber immer noch gut erhalten.

Das Fahrrad parkte ich im ummauerten Innenhof, zur Direktion leitete mich das Schild „Office“, das über der Tür eines steinernen Giebelhauses hing. Was nun geschah, grenzte an Fügung!

Kaum war ich eingetreten, öffnete sich in meinem Rücken erneut die Bürotür und ein großer schlanker Schotte trat ebenfalls in die Geschäftsräume der alten Destillerie. Mit einem festen Händedruck stellte er sich mir als Alistair Longwell vor. Auch ich nannte meinen Namen und meine Nationalität und auch den Grund meines Besuchs. Dabei betonte ich ausdrücklich, dass ich nicht als Whiskytourist gekommen sei.

Alistair Longwell war kurz nach mir mit dem Auto aus Glasgow eingetroffen, wo er als Manager in der Zentrale von Beam Suntory arbeitete. Eine seiner Aufgaben war die Supervision der hiesigen Destillerie. Zeitgleich war er zur Kontrolle vorbeigekommen und würde mir die Chance auf Informationen bieten. Der hochgewachsene Alistair und „Digger“ Grant, der korpulente Master Distiller von Glen Garioch, baten mich in den Aufenthaltsraum, wo ich beim Eintreten kurz stutzte, weil sich schon wieder etwas zu fügen schien. Ein eigenwilliges Kunstobjektiv stand allein auf einem weißen Eckregal – die allzu gut bekannte schwarzgrüne VAT 69 Flasche. Zum Kunstobjekt machte sie der rote Sombrero einer Sierra Tequila Silver Flasche, der anstelle des Korkens auf dem Flaschenhals saß. Kaum hatte ich mein Suchobjekt, das als Spaßobjekt den kargen Raum belebte, auf dem Regal entdeckt, rief ich wie aus der Pistole geschossen: „Diesen Scotch suche ich, seinetwegen bin ich hergekommen!“

Die beiden Schotten schauten mich mit großen Augen an, solch eine emotionale Entladung hatten sie nicht erwartet. „Digger“ Grant runzelte die Stirn und unterbrach mit ernster Miene das plötzliche Schweigen: „Sie wissen schon, dass der VAT 69 ein Blend ist, von dem nur ein Teil bei uns gemacht wird. Offen gesagt, machen wir nur nebenbei diesen Whisky.“

Mit diesem Bekenntnis dämpfte er, gewollt oder ungewollt, meine Erwartungen. Vermutlich stand mir die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, denn wie ertappt schielte er zu seinem Vorgesetzten hinüber.

Geübt im Kundengespräch nahm Alistair den Ball auf: „Also, hier bei Glen Garioch wird vor allem Bulkwhisky für Beam Suntory gebrannt, insgesamt 1,4 Millionen Liter pro Jahr. Wir sind hier so etwas wie ein Rohstofflieferant, denn unser new make geht anschließend nach Glasgow, wo ein geringer Anteil nach der orginalen Rezeptur von William Sanderson zum Blend VAT 69 vermählt wird. Diese Prozedur mag Sie befremden, weil das, ehrlich gesagt, ziemlich umständlich organisiert ist…“

„Das wusste ich nicht“, unterbrach ich ihn ziemlich nervös, vielleicht auch etwas ungehalten.

„Ja, so ist es nun mal, das frische Destillat wird von hier in Tanklastern nach Glasgow gefahren, wo es in unserer Fabrikation in Fässer abgefüllt wird. Anschließend werden die befüllten Fässer wieder 260 Kilometer zurücktransportiert. Umständlich, nicht wahr! Aber nur hier hat Suntory große Lagerkapazitäten in vier Hallen…“

„Aha, ich verstehe. Und wie schaut es mit der Flaschenfüllung aus? Da ich die VAT 69-Flasche dort sehe, vermute ich, dass die Flaschen hier befüllt werden.“

„Nein, leider auch nicht, deshalb muss der Blend nach der Fassreifung wieder nach Glasgow transportiert werden, wo er mit Reinstwasser auf 40 % vol. verdünnt und in Flaschen abgefüllt wird“, sagte Alistair betont sachlich, aber ich spürte eine leise Verunsicherung, die im Timbre seiner Stimme mitschwang. Der pflichtbewusste Suntory-Manager wollte wohl rasch von den schwierigen Umständen wegkommen und gab schnell weitere Informationen zum VAT 69 preis: „Dieser Scotch“, sagte er und deutete auf die Flasche mit dem roten Sombrero, „war früher ein echter Hit, heute ist er nur noch ein Nischenprodukt, eigentlich wird er nur noch in Südamerika, den USA und in der Türkei getrunken. Auf dem internationalen Whiskymarkt ist es eng geworden. Von der Suntory Geschäftsleitung wurde angeordnet, dass sich Glen Garioch auf Single Malts spezialisiert. Und die Marktentwicklung scheint der Spezialisierung recht zu geben. Unser momentaner Hit ist der Virgin Oak, der ausschließlich in frischer Weißeiche aus Kentucky ausgebaut wird. Soweit zu Ihrer Frage, übrigens, was halten Sie von einer Verkostung drüben im Visitors Center?“

„Ich würde gerne noch mehr über den VAT-Erfinder Sanderson erfahren…“

„Okay, das können wir ja beim Tasting bereden.“

Gut geschult hatte Manager Alistair das Informationspaket mit unverfänglichen Werbeschleifchen verpackt. Um den Gehalt seiner Aussage zu überprüfen, sah ich zwischendurch zu Master Distiller Grant hinüber, der auf der anderen Seite des Resopaltischs stand. Als sein Vorgesetzter von dem Hin- und Herfahren des Whiskys erzählte, hatte er kurz aufgeseufzt, was ich als Unmutsäußerung über die Politik des Mutterkonzerns wertete, der allein in Schottland fünf Brennereien besitzt, in denen er die Fertigungsprozesse stark rationalisiert und örtlich konzentriert hat.


[1] bal-ven-ee

[2] glen-gee-ree

Unsere Partner

Werbung

- Werbungt -

Neueste Artikel

Werbung

- Werbung -
- Werbung -
X