Samstag, 16. Januar 2021, 12:28:46

Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland von Uli Franz (Folge 4)

Über 1500 Kilometer zu siebzehn schottischen Brennereien

Wir freuen uns, Ihnen jeden Sonntag ein Stück einer wunderbaren Geschichte über Schottland, Whisky und das Reisen vorstellen zu dürfen: Exklusiv im Vorabdruck präsentieren wir Ihnen Whisky Cycle, das neueste Buch von Uli Franz.

Uli Franz lebt als Schriftsteller im Chiemgau und auf der dalmatinischen Insel Brac’. Von 1977-80 arbeitete er als Zeitungskorrespondent in Peking. Über China und Tibet veröffentlichte er zahlreiche Bücher. Zuletzt erschienen Radgeschichten und „Die Asche meines Vaters“ (Rowohlt Verlag).

Franz‘ heimliche Liebe gilt Schottland und dem Wasser des Lebens. In Whisky Cycle entführt er den Leser auf ca. 280 Seiten nach Schottland, wo er in fünf Wochen 1.500 Kilometer auf dem Fahrrad zurücklegte. Seine Besuche in 17 großen und kleinen Destillerien waren verbunden mit Tastings und der Suche nach dem perfekten Schluck – the perfect dram.

Das Buch ist auch ein Stück Autobiografie. So steht am Anfang eine Jugendsünde, ein Vollrausch im Alter von siebzehn, den ihm der fahrlässige Umgang mit dem legendären VAT 69 einbrachte. Dieser Rausch hatte zur Folge, dass er zwanzig Jahre lang Whisky weder riechen noch schmecken konnte. Erst dann wich die Abscheu einer immer stärker werdenden Neugier. Auf der Radreise durch Schottland fand dann die endgültige Aussöhnung statt. Aus diesem Grund endet das Buch mit einer Verkostung des Jugendwhiskys VAT 69 an einem Ort, wo die schottische Whiskygeschichte ihren Anfang nahm.

Das Buch Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland (ca. 320 Seiten)  erscheint am 01.02.2021 im Alba Collection Verlag GbR. Es kann bis zum 15.01.2021 zum Einführungspreis (Subskriptionspreis) von 16,- Euro hier vorbestellt werden.

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Die Radtour zu 17 schottischen Destillerien. Karte von Alba Collection

Kommen Sie also mit auf eine Reise durch die Zeit – und zu 17 Brennereien in Schottland:


-hier geht es zur Folge 3-

Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland von Uli Franz (Folge 4)

Noch nie zuvor war mir ein Laphroaig über die Lippen geronnen und hatte meinen Gaumen berührt. Begegnet war er mir nur in den Büchern. So hatte ich aus dem „Malt Whisky Yearbook“, in dem Jahr für Jahr Fakten und Neuigkeiten über die weltweite Whiskyindustrie publiziert werden, gelernt, dass die Laphroaig Malts zu den rauchigen, medizinisch schmeckenden Torfwhiskys von Islay gehören. Als ich nun als erster Gast an diesem Sonntagmorgen an den Ausschanktresen trat, nahm ich mir vor, das Torfwhisky-Tasting unvorbelastet und ohne Vorurteile anzugehen. Auf keinen Fall wollte ich mein laienhaftes Wissen über diese Spezies von Whisky mit sensorischen Phrasen und Angelesenem kaschieren.

Während sich der Bartender noch dem Ordnen der Verkostungsgläser widmete, sah ich mir die Dekoration auf der Theke an, hinter der er hantierte. Befremdend! Die Brocken, die da lagen und aussahen wie schwarzbraune, zulange gebackene Biosemmeln, waren aus getrocknetem Torf von der Insel unter meinen Füßen. Wie ich eine der Semmeln in die Hand nahm, wunderte ich mich, wie wenig der Torfbrocken wog, geradezu luftig lag er in der Hand, und als ich ihn an die Nase hielt, wunderte ich mich noch mehr, weil dieser Brocken verrotteter, tausend Jahre alter Pflanzenerde nach gar nichts roch, vollkommen nichtsriechend begrüßte er mich.

Torf aus Mooren war in Altschottland das gängigste Brennmaterial, weil Brennholz allerorts fehlte. Nicht nur die Whiskypioniere glichen den Mangel an Brennholz aus, indem sie Torf zum Trocknen der eingeweichten Gerste und zum Heizen der Brennblasen benutzten, sondern auch die Bauern und Landleute nahmen getrockneten Torf zum Kochen und Heizen ihrer Cottages und Crofter Siedlungen.

Als ich den Brocken vor meiner Nase hin und her drehte und beschnüffelte und befingerte, lachte der junge Barmann, als hätte er das Fragezeichen hinter meiner Stirn erspäht: „Ja, der Torfbrocken in Ihrer Hand riecht weder nach Holz noch nach Gras, einfach nach nichts. Das wundert alle Besucher. Erst beim Verbrennen kommt die rauchige Note zur Geltung. Der Rauch der verbrannten Fladen ist allerdings extrem beizend und verleiht der Gerste und später dem Whisky seine rauchige Note.“

Der junge Barmann gefiel sich hinter dem Tresen und auf Anhieb gefiel mir seine Art, wie er auf den Besucher einging und dessen Interesse aufgriff. Seine flinken Augen und das heitere Spiel seiner Gesichtszüge ließen einen klugen Kopf vermuten. Wie er auf Englisch sprach, wirkte er gebildet und kein bißchen überheblich. Ob er wohl Schotte war? Bei dem schwarzen, ungemein dichten Haarschopf, fragte ich mich das. Mit federnden Schritten lief er hinter dem Bartisch hin und her. Gewiss war er sehr sportlich und durchtrainiert, womöglich gar ein Rennradfahrer, sagte ich mir und wollte ihn gleich fragen. Aber erst einmal wollte ich einen Laphroaig probieren. Zumal er mir bereits unaufgefordert ein bauchiges Nosing Glas eingeschenkt hatte.

Von wegen, homöopathische Dosis eines Teelöffelchen! Das Dram, das inzwischen generös eingeschenkt vor mir stand, füllte die birnenförmige Wölbung bis an die ausladendste Stelle der Glaswand. Weiß Gott, ein einschüchterndes Quantum an getorftem Whisky! Schon war die Erinnerung an den Komarausch in der Jugend wieder da, und allein beim Gedanken an die zu erwartende Rauchnote bekam ich feuchte Hände.

Verwundert, womöglich gar erschreckt, musste ich ihn angeschaut haben, denn beruhigend sagte er: „Das Glas ist viel kleiner als ein Tumbler, keine Angst, ich schenkte Ihnen nur einen besseren Schluck ein“. Diese Aussage klang nicht ganz ernst und schon umspielte ein Schmunzeln seine Lippen.

Was sollte ich protestieren, entwaffnend war der Schelm, der aus seinen braunen Augen blitzte. Stumm nickte ich und ergab mich in mein Schicksal. Ein Trost war immerhin, ich hielt nicht meinen Schicksalswhisky VAT 69 in der Hand, sondern einen Laphroaig. Während ich das Glas mit dem Bauch in der Hand wiegte und den ersten Schluck hinauszögerte, fragte er mich, woher ich käme und als ich antwortete: „Aus Deutschland“, erhellte echte Freude sein junges Gesicht. „Auch vom Kontinent, ich stamme aus Litauen. Ich hätte schwören können, dass Sie kein Schotte sind, denn denen kann das Torf-Bukett nicht deftig genug sein. Irgendwie spürte ich, dass Sie mit dem Torf nicht so zurecht kommen, deshalb habe ich Ihnen einen mässig getorften Single Malt eingeschenkt, einen Laphroaig‚ Quarter Cask 4 Oaks, Fassstärke 48 % vol.“

Dankbar nickend, hob ich das Nosing Glas und prostete ihm zu. Noch bevor ich mir den ersten Schluck erlauben konnte, sprach er schon wieder, wofür ich dankbar war: „Wie all unsere Malts ist dieser zwar getorft, aber er überzeugt vor allem durch seine Vanille-Note, die er durch zehn Jahre Reifung im Ex-Bourbonfass und anschließender einjähriger Abrundung in kleinen Ex-Sherryfässern gewonnen hat.“

Laphroaig – Photo von Bjarne Henning Kvaal…, CC BY-SA 3.0, Link

Noch immer stand das prächtig gefüllte Glas Laphroaig Quarter Cask 4 Oaks zwischen einem erwartungsvoll schauenden Litauer und einem zögernden Deutschen auf dem Tresen – und harrte der Dinge.

Aber dann packte ich den Stier bei den Hörnern! Erst einmal schwenkte ich das kleine Glas und beobachtete, was passierte. Als der Quarter Cask zu kreiseln anfing, lief er in öligen legs, in Tropfenbändern, den Glasbauch hinab und kam am Boden schnell wieder zur Ruhe. Sein warmes Strohgelb beruhigte mich, auch milderte es die angestaute Skepsis gegenüber dem beizenden, muffigen Geruch und herben Geschmack eines getorften Whiskys, eines peated malt. Ruhig führte ich das Glas an die Nase, genau genommen zuerst zum rechten und dann zum linken Nasenloch, denn mit jeder Seite riecht man unterschiedlich gut. Bei meinem prominenten Zinken verbirgt sich im linken Flügel der eigentliche Aromadetektiv.

Erstaunlich! Kein niederschmetternder Torfhammer, nur kurz ein Anflug von Räucherschinken und Medizin, der recht schnell von Aromen von Pfirsich, Apfel und Zimt überlagert wurde und die Nasenmuschel mit einem Kitzeln belebte. Die frugalen Aromen kletterten hoch hinauf, bis dicht unter das Nasendach, wo sie sich bestimmend niederließen. Ermutigt durch die Fruchtnote wagte ich nun zu nippen. Nur einem zaghaften Schluck erlaubte ich das Vordringen in den Mundraum. Nur mit Bedacht erlaubte ich einigen hochprozentigen Tropfen den Zutritt zur Zungenspitze und zu den seitlichen Backentaschen. Dort hinten ereignete sich eine kleine Sensation: augenblicklich wurde der Speichelfluss angeregt und ich schmeckte schöne Süße.

Leider ging es nicht so angenehm weiter. Der Umschwung setzte mit dem zweiten Schluck ein, kaum, dass ich den Laphroaig zu kauen begann. Fetter Räucherschinken im Entrée, bedrängt von einer würzig-medizinischen Note, auf die viel Holz und Leder folgten. Die Versöhnung brachte allerdings die Vanille und zwar in großer Portion. Oh weh! Schon kündigte sich der Abgang brennend an, zuerst im Schlund und dann in der Speiseröhre. Gleich darauf stand die Magengrube in Flammen. Der Alkohol, der Träger der Aromen, war einfach nicht gut eingebunden. In seiner Dichte wirkte er wie ein gezückter Dolch, welcher der frugalen Note recht schnell den Garaus machte. Hätte ich kein schottisches Frühstück mit Toast, Lachs und Rührei samt salzigem Porridge im Magen gehabt, wäre es mir übel ergangen.

Der Quarter Cask in Fassstärke war ein guter Malt, aber mehr als drei Stützräder gab ich ihm nicht, auch wenn mir klar war, dass sich Schotten über diese zweitrangige Bewertung ärgern würden. Zugegeben, ein peated malt mit seiner medizinischen Bitterkeit und dem Aroma von geräuchertem Speck ist immerhin ein Malt, der den Urgeschmack aller Whiskys verkörpert und von ihnen bevorzugt getrunken wird. Lobt man die Ungetorften wie die Fruchtig-Süßen von Speyside, dann tönt es lästernd aus gegerbten Kehlen: „Old Maiden Malt“. Trotz dieser Kategorisierung stand für mich fest: nach dem Genuss des Quarter Cask 4 Oaks würde ich wirklich nicht die Kontrolle über mein Bike verlieren, also beließ ich es bei drei Stützrädern für diesen Laphroaig.

Als ich das Glas mit einer Anstandspfütze auf dem Tresen abstellte und mich mit Handschlag von dem jungen Litauer verabschieden wollte, hielt er meine Hand kurz fest und fragte: „Bist du mit dem Rad unterwegs.“ Längst hatte sein geübter Blick aus meinem Aufzug Schlüsse gezogen.

„Ja, warum?“

„Super, ich fahre für mein Leben gerne Fahrrad. Sollten wir uns nicht nochmals treffen, heute Abend hätte ich Zeit, was meinst du?“

Kurz stutzte ich, hatte er seinen Wunsch doch mit gesenkter Stimme vorgebracht. „Ja, gern, ich wohne in Port Ellen, im B&B von Frau Lorry, genau gegenüber vom Hotel Port Ellen.“

„Das trifft sich gut, ich wohne ganz in der Nähe. Lass uns doch heute Abend an der Hotelbar einen trinken. Ich heiße übrigens Kajus.“

„Ok, um 8 Uhr! Uli heiße ich.“

„Alles klar, um 8, Uli!“

Inzwischen tanzte mir der Laphroaig im Blut und lockerte mein Gemüt – der Ernst des Lebens war im Handumdrehen verflogen! Geradezu übermütig hob ich die Hand und wie unter Sportskameraden gaben Kajus und ich uns die Fünf.

Voller Tatendrang schulterte ich die Umhängetasche und ging beschwingt an zwei Rundständern mit schwarzen Laphroaig-Shirts und Logo-Jacken vorbei zur genieteten Eisentür, durch die im selben Moment eine Busladung Chinesen hereindrängte. Seitlich, mit vorgereckter Schulter schob ich mich an der schnatternden Gruppe vorbei und stand kurz darauf im blendenden Tageslicht. Ohne Sonnenbrille taten die Augen weh und wie ein Maulwurf, der sich verlaufen hat, kam ich mir auf den ersten Schritten ins Freie vor. Da half nur ein Blinzeln und bedachtsames Gehen.

Erneut zog es mich ans Wasser, erneut verzauberte mich das gläserne Meer, wie es die Bucht belebte. Nach dem Tasting kam es mir vor, als sei die Landschaft noch schöner. Das Glucksen des nahen Wassers klang wie eine wiederkehrende Melodie, und den fischigen Geruch von Tang und sattgrünen Algen empfand ich als Wohlgeruch, als Ausdünstung der Natur, wie wir ihn von frischem Gemüse kennen.

Wie aus heiterem Himmel bedrängte mich plötzlich die Frage: Warum hast du das Dram nicht im Freien, am Wasser verkostet? Warum nicht in der freien Natur, die alle Sinnen anregt und einen den Ursprung von uisge betha viel eher erahnen lässt, als eine Verkostung in den vier Wänden eines abgezirkelten, ja, beschränkten Raumes. Wenn man heutzutage von Whisky Tasting spricht, denkt man gleich an ein Sesselvergnügen, an ein Verkosten im ledernen Fauteuil. Doch dieses Klischee ist nur der modernen Bequemlichkeit geschuldet. Ursprünglich war der Schluck uisge betha ein Schluck, um das harte Landleben, die Arbeit des Schafhirten und des Ackerbauern oder des Handwerkers erträglicher zu machen. Historisch wurde wärmender Whisky draußen getrunken, gerne bei der Jagd oder auf dem Fuhrwerk oder dem Pferderücken. Einst ging es im herben Klima Schottlands zu wie heute noch auf dem Balkan: die Bauern, Männer wie Frauen, trinken seit altersher den Zwetschgenbrand Slibowitz bevor sie ihr Tagwerk beginnen. Wer ein Stampl zum Frühstück zu sich nimmt, dessen Eingeweide sind gegen Parasiten gefeit, lautet der medizinische Rat. Das heißt aber nicht, dass die Balkanbauern betrunken zur Arbeit gehen. Der Zucker im Stampl Slibowitz befeuert die Muskelarbeit und der berauschende Alkohol wird über der Handarbeit locker ausgeschwitzt.

Auch mir war wohlig warm, als ich vor dem Visitors Center mein Rad loskettete und es über den Hof an dem geparkten Tanklaster von Mundell LTD. vorbeischob. Kurz musste ich anhalten und das Bild auf dem glänzenden Stahltank in Augenschein nehmen. Auf dem rundgebogenen Metall sah ich meine Gestalt, meinen weißen Helm, das weiße Rad und die rote Satteltasche bauchig verzerrt wie in einem verspiegelten Horrorkabinett auf der Kirmes. Wahrlich, eine groteske Erscheinung, dieser beschwipste Satteltänzer!

Mit dem Wegfahren ließ ich mir Zeit und ergatterte am Fabriktor, das ich bei der Herfahrt zügig passiert hatte, eine wichtige Information: bescheiden klein stand da auf einer Metalltafel „Beam Suntory“ zu lesen. Dezent wurde offenbart, dass Laphroaig sich im Besitz des japanischen Spirituosenriesen Suntory befindet. Diese Information war mir neu. So nahm ich mir für den Abend vor, mich bei meinem Litauer nach den genauen Besitzverhältnissen seines Arbeitgebers zu erkundigen.

Die Hände an den Lenkergriffen, schwang ich nun das linke Bein über das Oberrohr, platzierte routiniert den Turnschuh auf dem linken Pedal und trat dieses mit Kraft bodenwärts, während ich mein Hinterteil gleichzeitig in den Sattel hob. Kaum, dass sich das Rad in Bewegung setzte, positionierte ich den rechten Fuß auf dem rechten Pedal und trat dem Rollwiderstand entgegen. Unter schneller werdenden Tritten balancierte ich mich rasch aus, und das leichte Rad gewann geschwind und mühelos an Fahrt. Nicht trotz, sondern wegen des Laphroaig im Blut, funktionierte die Anfahrt wie geschmiert. An Tempo gewinnend, querte ich den inzwischen von Menschenscharen bevölkerten Besucherparkplatz, vorbei an drei Bussen, und steuerte wieder auf das Eichenwäldchen und das braune Bächlein zu. Dort angelangt, bog ich nach Osten ab und fuhr die Südküste weiter zur nächsten, wohl berühmtesten Brennerei auf Islay.

(Fortsetzung folgt am nächsten Sonntag)

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