Ende März des Jahres waren wir von Diageo zur Präsentation des Dalwhinnie Winter’s Gold in die Highlands eingeladen – einer neuen Abfüllung, die ab September in Deutschland erhältlich sein wird und mit einigen Besonderheiten in der Produktgeschichte aufwartet: Auch wenn er keine Altersangabe trägt, spielt beim Winter’s Gold die Zeit eine wichtige Rolle; in Form des Zeitpunktes, und nicht der Dauer. Und dann ist da die Kälte, die ihn von Anfang bis Ende prägt. Unser Redakteur Bernhard Rems hat den folgenden Beitrag darüber gestaltet und entführt Sie mit ihm zurück in den ausklingenden schottischen Winter:

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[divider]Der Winter ist ein Dieb.[/divider]

Wenn man von Pitlochry die A9 nordwärts in die Cairngorns fährt, ändert sich die Landschaft schneller als das Sonnenlicht zum Abend hin schwinden kann, selbst an einem kühlen Märztag wie diesem. Zuerst bewegt man sich noch durch grüne Hügel, auf denen Schafe unter knorrigen Bäumen grasen, dann dominieren vegetationslose, mit Schnee besprenkelte Bergflanken, denen eine dem zurückkehrenden Winter geschuldete Raureifdecke nach und nach alle Farben stiehlt. Alles wird Kontur, bis auf die Wolken, die vom Abendrot wie von einem manischen Impressionisent in ein hysterisches Gold getaucht werden.

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Der Blick aus dem Range Rover ist nicht wirklich auf Fotos bannbar, zu gewaltig ist er. Und während wir unsere Reise fortsetzen, zeigt uns das Gesehene, wie krass und wie bestimmend hier der Winter und die Kälte sein können. Ein später März hat noch nicht die Kraft, ihn dauerhaft aus dem Land zu weisen. Der Winter will bleiben. Und er bleibt.

Wir fahren in Richtung Dalwhinnie, die nach eigenem Bekunden höchstgelegene schottische Destillerie (Braeval läuft ihr in Wahrheit allerdings um ein paar Fuß den ersten Rang ab). Jedenfalls ist sie gesichert aber jene, die die kältesten Jahresdurchschnittstemperaturen (6 Grad Celsius) erdulden muss. Selbst im Hochsommer kann man dort schnell einmal im unangenehmen einstelligen Bereich landen, auch wenn man Edinburgh hemdsärmelig und voller Sommergefühle verlassen hat.

An diesem Abend jedenfalls, als wir mit Global Malt Ambassador Donald Colville aus dem Wagen steigen und einen ersten Blick auf die Destillerie mit ihren Pagodendächern und den imposanten Worm Tubs erheischen, gewinnt der Winter die Oberhand. Es fängt an zu schneien.

Der Winter ist ein Dieb. Er hat uns das Licht und die Farben und die Geräusche gestohlen, und wenn er die Wolken zu Boden drückt, dann nimmt er uns auch die Dimensionen. Es ist plötzlich, als wäre nichts mehr da als die Destillerie und wir.

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[alert type=white ]Exkurs: Die Destillerie Dalwhinnie

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1897 haben John Grant aus Grantown-on-spey, George Sellar aus Kinguissie und Alexander Mackenzie, ebenso aus Kinguissie, die Destillerie Strathspey bei Dalwhinnie gebaut, zwischen der Great North Road und der Highland Railway – in einer abgelegenen Region der Highlands. Die Lage an einem Verkehrsknotenpunkt hat nicht geholfen, die Destillerie erfolgreich zu machen – schon im Jahr darauf wurde sie liquidiert und von AP Blyth übernommen, der sie in Dalwhinnie umbenannte.

Nach einem kurzen Gastspiel in amerikanischer Hand wird Dalwhinnie während der Prohibition wieder schottisch – und 1934, als nebenbei zum ersten Mal elektrischer Strom nach Dalwhinnie kam, ein Raub der Flammen. Vier Jahre Stillstand waren die Folge.


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1961 wurden die Brennblasen mit Dampf geheizt statt wie bis dahin mit direktem Kohlefeuer. Und 1972 wurde statt Kohle Öl verwendet.

Nicht alles in Dalwhinnie wird aber immer moderner. Dort, wo es Sinn macht, besinnt man sich der Tradition. 1996 werden traditionelle Worm Tubs installiert – ein Umbau, der heute eine besondere Bedeutung erlangt, wie wir noch sehen werden.[/alert]

[divider]Der Winter ist ein Alchemist.[/divider]

Donald Colville führt uns gemeinsam mit Distillery Manager Bruce D. Mackenzie durch Dalwhinnie. Jetzt, am Abend, und obwohl voll in Betrieb, wirkt die Destillerie ob ihrer wörtlich zu nehmenden Leblosigkeit fast gespenstisch. Nur wenige Personen überwachen die Prozesse, die fast völlig automatisiert ablaufen. Man hört die Maschinen arbeiten, riecht die würzige Luft über den Gärbottichen, ständig begleitet vom Grundrauschen des Dampfes in den Rohren und der fast schon drückenden Wärme, die den Winter draußen vergessen macht. Aber sonst ist man mit dem Werden des Whiskys allein. In einer eigenen Welt stehen wir, umgeben von Kupfer und Edelstahl und dem Eindruck, in einem ins Riesige aufgeblasenen alchemistischen Labor zu verweilen.

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Und irgendwie stimmt das, das mit der Alchemie. Irgendwie ist sie auch der Grund unserer Reise, die im Normalen begonnen hat und jetzt dem Pittoresken verfällt. Denn so, wie die Alchemisten versuchten, aus normalen Materialien Gold herzustellen, so hat man bei Dalwhinnie versucht, mit Hilfe des Winters und seiner Kälte als magische Zutat etwas Besonders zu erschaffen.

Der Winter ist ein Alchemist. Seine Kräfte erschaffen Neues aus Gewohntem. Sie erschaffen das Gold des Winters. Dalwhinnie Winter’s Gold.

 

[alert type=white ]Exkurs: Destillation und Geschmack

Ein Gutteil des Geschmacks eines Whiskys kommt von der Fasslagerung. Aber wo und wie der Alkohol zuvor destilliert wurde, ist alles andere als egal. Auch der Destillationsprozess prägt den Charakter eines Whiskys entscheidend. Das ist auch ganz leicht daran erkennbar, wie unterschiedlich die New Makes von verschiedenen Destillerien schmecken.

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Dass die wichtigsten Komponenten der Destillationsanlage aus Kupfer gefertigt sind, hat einen Grund: Kupfer ist bestimmend für den Geschmack des Destillates – und das gilt auch für die Worm Tubs. Je weniger Kontakt das Destillat darin mit dem Kupfer hat, desto mehr schwefelig wird es im Ansatz, und desto mehr kann es sich danach bei Dalwhinnie in Richtung eines honigartigen, mit Heidekraut durchsetzten Geschmacks entwickeln.[/alert]

[divider]Der Winter ist ein Künstler.[/divider]

Als wir von unserer Tour und einem Abstecher ins Warehouse vor Ort in das Besucherzentrum zurückkommen, stellt uns Donald Colville den neuen Dalwhinnie Winter’s Gold vor. Und er tut das nicht in der von uns erwarteten Art. Er gibt dem Winter ein weiteres Spielfeld: Er serviert den Dalwhinnie Winter’s Gold eiskalt.

Kälte ist von Anfang an die Farbe, mit der, in allen Schattierungen, der Winter’s Gold gemalt wird. Dalwhinnie ist, wie schon erwähnt, per se die kälteste Destillerie Schottlands. Und Master Blender Dr. Craig Wilson sucht für den Winter’s Gold dazu auch nur jene Fässer aus, die in den Wintermonaten mit Destillat befüllt wurden.

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Warum tut er das? Je kälter es draußen vor Dalwhinnie ist, desto weniger kommt der New Make mit dem Kupfer der Kondensatoren in Berührung, die sich ja in den riesigen Worm Tubs im Freien befinden.  Durch diesen geringeren Kontakt verändert sich im Winter der Geschmack des Destillats hin zu schwereren, süßeren Tönen.

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Und auch beim Servieren soll die Kälte ihr Recht bekommen: Donald Colville empfiehlt, die Flasche aus dem Tiefkühlfach auf den Tisch zu stellen. Das Mundgefühl wandelt sich dadurch, der Dalwhinnie Winter’s Gold wird dickflüssiger, die Honignoten werden intensiv – und wenn man ihn dann mit der Hand wärmt, lösen sich der Duft von Heidekraut und leichte Anflüge von Rauch aus dem Glas und verleihen ihm seine ganz individuelle Note.

Der Winter ist ein Künstler. Er nimmt das Gegebene, interpretiert es neu und gibt uns damit neue Perspektiven. Und ist es nicht das, was überhaupt Wahrnehmung ermöglicht? Wäre alles statisch, würde sich nichts mehr verändern, blieben unser Standpunkt und unser Blickwinkel ewig derselbe – was könnten wir noch erkennen?

[alert type=white ]Dalwhinnie Winter’s Gold: Die offiziellen Tasting Notes

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Global Malt Ambassador Donald Colville bei der Verkostung in Dalwhinnie

Erscheinungsbild: Gold, fast wie polierte Bronze

Nase: Breit, dicht, weich und sauber, aber dabei mit einem überzeugenden, süßen, honigartigen Charakter, der auf die folgende Verführung vorbereiten soll. Im Hintergrund immer leicht wachsartig, darüber Eindrücke von Früchten. Bilder eines Karamell-Törtchens auf kalter Aprikosensauce drängen sich auf, oder süßes Gebäck mit Orangenzesten. Man findet auch Menthol-Frische und eine unaufdringliche Rauchnote.

Gaumen: Dickflüssiges Mundgefühl, honigartig, süß und schön texturiert – als Gegengewicht dazu eine Tarte mit Herbstfrüchten. Dann wird es würziger, mit Pfefferkuchen, dann dichter mit einem Laib Malzbrot. Anklänge von Melasse und Minze, später dann weich, ferner Rauch. Die Beigabe von ein paar Tropfen Wasser ändert wenig am Gesamteindruck.

Finish: Exquisit und wärmend, angenehm dicht. Sanft mit süßem Malz, Rosinen und dunkler Schokolade. Endet aromatisch mit Spuren von Datteln und Sandelholz.

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[divider]Der Winter ist ein Rebell.[/divider]

Wir sind in den Cairngorns, am nächsten Tag, nach einem ebenso unterhaltsamen wie ausgezeichneten Abendessen mit Distillery Manager Ewan Mackintosh, bei dem viel gefachsimpelt wird, aber auch viel genossen. Donald Colville führt uns, gemeinsam mit einem ortsansässigen Naturkundler, auf eine Wanderung in die Wälder dort. Der Frühling wagt sich aus dem Himmel, sinkt auf die noch karge Heide und versucht, die Natur dort wachzuküssen. Schneeglöckchen bilden einen ersten Hauch von Grün in dieser noch vor kurzem vom Winter zugedeckten Landschaft.

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An einem See im Wald, zu den Klängen eines Dudelsacks, machen wir Rast. Noch einmal verkosten wir den Dalwhinnie Winter’s Gold, noch einmal genießen wir die Honigsüße, die aus der Kälte kommt. Noch einmal blicken wir in die großartige Landschaft der Highlands und lassen die Frische der Natur und die Frische des Whiskys auf uns wirken.

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Der Winter ist ein Rebell – er beendet das Alte und macht Platz für das Neue. Und in der Tat ist der Winter’s Gold auch ein wenig eine Zäsur, denn in ihm liegt sowohl Tradition wie Innovation. Die Tradition in ihm besteht darin, dass er sich für seine Eigenheit auf handwerkliches Wissen und Können beruft – das Wissen um die temperaturabhängige Charakteristik des New Make und das Können bei der Fassauswahl.

Die Innovation des Dalwhinnie Winter’s Gold besteht darin, dass er mit Gewohnheiten und Regeln bricht. Er lebt nicht nur von der Regionalität, wie es jedem Single Malt gebührt, sondern ist vielleicht der erste Whisky, der seine Eigenheit mit Saisonalität begründet. Er spielt mit Temperatur, und es ist in der Tat interessant zu entdecken, dass sich der Geschmack des Winter’s Gold mit der Kälte radikal ändert.

Er kommt ab September nach Deutschland, gleichzeitig mit den anderen Märkten in Westeuropa – mit 43% abgefüllt. In England wird er 33 Pfund kosten, und für dieses Geld bietet er unserer Meinung nach passende Qualität. Mit seinem saisonalen Flair und der Aufforderung, ihn heruntergekühlt zu genießen, versucht er zweierlei: einen neuen Zugang zu potentiellen Whiskyfreunden zu finden und sich für versierte Whiskykenner interessant zu machen.

Man darf sich durchaus auf ihn einlassen, er ist eine gelungene Neuerscheinung; ein angenehmer Whisky, der gekühlt tatsächlich eine neue Dimension zeigt, die zu entdecken Spaß macht.

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Im Sinne der Transparenz gegenüber unseren Lesern legen wir offen, dass die Reise zur Produktpräsentation von Dalwhinnie Winter’s Gold nach Schottland auf Einladung von Diageo erfolgte. Diageo hatte im Übrigen keinerlei Einfluss auf den Inhalt und die Aussage dieses redaktionellen Beitrages.