„Oh brother where art thou?“ – Ein Geschwister Tasting

Immer wieder schon war an dieser Stelle von Starkicker zu lesen.

Ein bunter Haufen whisky-enthusiastischer Genießer, einander und dem Lebenswasser in Freundschaft verbunden.

Diese unabhängigen Abfüllungen der Springbank Destillerie haben in unterschiedlichen Spielarten zuletzt jährlich ihren Weg in die Flasche gefunden, ehe wissende Käufer den wohlfeilen Geist aus der ebensolchen lassen durften.

Stets von exzellenter Qualität, bietet Starkicker immer wieder einen neuen Akkord im destillierten Grund-Wohlklang des Campbeltown Parade Orchesters „Springbank“.

Einem großartigen 13-jährigen Portfass-gereiften folgte eine nicht minder spektakuläre 18-jährige Abfüllung, einem frischen Sherry Pipe entstammend, auf 140 Flaschen limitiert, von betörendem Charme und Cremigkeit.

Kürzlich legte man mit Editionen nach, die alterstechnisch sogar schon in den Vereinigten Staaten legal dem Alkoholgenuss frönen dürften.

Zwar auch in früheren Spielarten durchaus erwachsen, präsentieren sich die letzten Starkicker Whiskys definitiv volljährig und mit 21 mehr als nur mündig und reif.

Denkt man heute an das Jahr 1995 zurück, so wähnt man sich bereits in längst vergangenen Tagen eines anderen Jahrhunderts. Österreich tritt der EU bei, Greenpeace Aktivisten besetzen die Brent Spar Ölplattform, während Boris Jelzin am Atomkoffer herumspielt, dem „norwegischen Raketenzwischenfall“ sei Dank. Die Stadt Srebrenica erlangt unrühmliche Bekanntheit, Windows 95 erblickt das Bildschirm-Licht der Welt – vermutlich ähnlich unrühmlich. Den Euro einzuführen beschließen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union, während BackRub als Google Vorläufer den Start einer Ära markiert. Michael Schumachers zweiter WM Titel ist nur ein weiterer Baustein einer ebensolchen.

Der Autor dieser Zeilen kratzt mit Ach und Weh an der Volksschul-Reife.

Am wichtigsten jedoch: in Campbeltown läuft jener güldene Saft durch die Brennblasen, der schließlich 2016 als Starkicker 21y old seine Vollendung erleben sollte. Ursprünglich im frischen Sherry Hogshead gereift ehe ein Portwein Finish zusätzliche Dimension verleiht.

Das Jahr darauf bringt die Schwesternedition hervor: einen 1996 destillierten, 2017 abgefüllten Starkicker 21y old, der sich mit Sherry Fass ohne Finish zufrieden gibt. Dafür darf’s etwas mehr Speck auf den Rippen sein mit stattlichen 56% Volumen Alkohol.

Zu einem spannenden Vergleichstasting treffen sie sich also wieder, die zwei 21er Geschwister. Eine Familienzusammenführung der besonders delikaten Art.

Starkicker Springbank 21y old, 1995/2016, fresh sherry, port finished, 48% vol. alc

Sehr helles, verhalten blasses, goldgelbliches Schimmern, dicht viskos mit engmaschiger Corona am Glas.

Ein markant fruchtiger erster Duft steigt aus dem Glas. Roter Apfel, vollreif, gerade bevor er zu Boden zu fallen gedenkt. Da sind auch gleich die ersten Rauchzeichen, sämig, engmaschig, fein verwoben. Betörend elegant, doch mit einem Statement von Charakterstärke, Oppulenz und Kraft, Cassis schwingt mit, etwas Mandelgebäck, angeröstet, mit Zuckerkaramell glaciert.

Im zweiten Aromaanflug machen sich grünliche Akzente breit. Seetang, der maritime Auftritt gibt sein Stelldichein. Da ist Kafir Limette, da ist Nougat ebenso wie Salzgebäck und Nori Alge. Immer und immer wieder will sich aber der Fruchtschmelz nach vorne drängen. Kaum hat sich der Rauch etwas Gehör verschafft buhlt die Birnenquitte um Aufmerksamkeit, der saftige Waldbeeren Mix deutet dunkle Süße an, ehe sich ein weißer Anflug von Asche und glimmenden Kohlescheitern beimischt. Es ist ein bunter Reigen der Düfte, eine komplexe Nase, ebenso weich wie dicht, filigran wie gehaltvoll, fett ölig und doch grazil.

Am Gaumen ein tiefer Basston von Petrol, buttrig fette Süße, ein Gaumenschmeichler, der vor lauter Dahinschmelzen die Knie weich werden lässt, Butterbrioche, eine dicke Schnitte saftigen Milchbrötchens, dick beschmiert mit Erdnussbutter, Marillenmarmelade und Haselnusscreme. Frühstück vom Allerfeinsten, oder doch Late Night Dram vor dem Kamin?

Ein After Dinner Schoko Delight, mousse-artig, mundfüllend, weich, komplex, mit der gerade nötigen alkoholischen Substanz unterlegt, sodass markantes Profil, Gewicht und Akzent zu tragen kommen.

Dann spielt auch die Frucht wieder mit, analog zur Nase betören Beerenconfit und eingekochter Apfel die Geschmacksknospen.

Und weil nur schön ja auch zu schnell fad wäre, drückt die leise Schärfe von Ingwer-Prickeln auf den Komplexitätsknopf und verwandelt die süßlich weiche Geschmeidigkeit in einen lebendigen Tanz von Würze und Eleganz. Nicht über-alkoholische „Ich-kann-auch-Fassstärke“ Muskelspielchen, sondern erhabenes Selbstbewusstsein von Größe und Imposanz.

Lange klingt die Vielfalt nach, da ist noch einmal die Erinnerung an Dörrobst, dichte Teeblatt Adstringenz und verkohlte Birkenholzscheiter. Es bleibt ein Hin-und-her von Fruchtsüße, engmaschigster Textur und komplexer Subtilität.

Ein Whisky der dahinschmilzt, zum dahinschmelzen.

Sehr lang, sehr eindrucksvoll.

Starkicker Springbank 21y old, 1996/2017, fresh sherry, 56% vol. alc

Deutlich dunkler, röstiges Mahagoni, satt schwer im Glas hängend, dicht ablaufende Tränen.

Sherry! brüllt die erste Nase, ein von spanischer Finesse triefender Opener, ein Anflug von salzig komplexer Palo Cortado Signatur, super dicht verwobene Würze jahrzehntelanger Oxidation, konzentrierte Säure nebst dichten Holz- und Reifetönen, uralte Ledergerbung voller Patina, wie eine Handtasche, die alles gesehen und alles erlebt zu haben scheint.

Verlieren könnte man sich in der Komplexität der andalusischen Handschrift alleine, ehe man beginnt Zwiebelschalen-gleich die tieferliegenden Komponenten zu entdecken.

Fast scheu lugt da die Springbank Charakteristik hervor, ein wenig von dem Rauch und aschig-grünlichem Algen Touch, Nori, Seetang, maritim salzige Frische, alle sind sie da, aber noch so verhalten und leise, dass man ganz fein hinhören muss.

Auch hier zeigt sich Petrol, eine ölig-cremige Finesse die sogar an die hell-herben Akkorde eines hochqualitativen Olivenöls erinnert. Salzmandeln, ein wahrer Tapas-Umami-Reigen. Sogar die dicke Salzschicht von Bacalhau könnte man vermuten. Das Sherry Fass hat so etwas von ganzer Arbeit geleistet, deutlich vordergründiger als beim früher geborenen Geschwisterchen.  Hier kommen die Sherry Fans auf ihre Rechnung. In einer Komplexität und dichtest verwobenen Fülle jedoch, dass man nur den Hut ziehen und um mehr bitten könnte. Also mehr im Glas, nicht vom Sherry.

Wie grazil doch Opulenz und Eleganz Hand in Hand in den Sonnenuntergang reiten können.

Am Gaumen das nächste Feuerwerk, und was für eines. Sofort schießt der Whisky aus vollen Rohren und bietet ein mundfüllendes Erlebnis erster Güte. Die alkoholische Stärke ist präsent und wärmend spürbar, jedoch so fein eingebaut, dass man den Kollegen auch gegen den Durst trinken würde – viel zu schade, natürlich.

Langsam und behutsam sollte man sich dem zweiten Schluck nähern. Denn die Farbpalette auf der Zunge bietet plötzlich eine Vielfalt, die zu begeistern weiß. Hinter dem nussig-dichten Sherryton sind schwarze Ledernoten, dicht verkohlte Asche Akkorde, sanft ausrollende Fruchtsüße, Dörrobst diesmal, weniger die frische, saftige Variante. Da sind kandierte Orangenzesten, da ist dunkles Pflaumenmus nebst zur Unkenntlichkeit getrockneten Feigen, würzig eingelegte Umeshu, auch Salzzitrone.

Von funky herbem Urwaldboden bis zu teeblättriger Bitternote und gepopptem Genmaicha bietet der Starkicker Springbank alles feil.

Mit einem langen Nachhall verabschiedet er sich in die unendlichen Weiten des Malt-Happy-Endings und kokettiert noch einmal frech mit der andalusischen Abendstimmung, ehe sie einträchtig  in den interkulturellen Whiskyhimmel entschwinden.

Und die Moral …

Es ist ein so spannendes und faszinierendes Erlebnis, zwei vermeintliche Geschwister Whiskys nebeneinander im Glas zu genießen. Findet man bei beiden Abfüllungen doch eine klar erkennbare Handschrift der Destillerie, so zeigen die unterschiedlichen Fasstypen doch wie markant sich ihr Einfluss über zwei Jahrzehnte zu manifestieren weiß. Während sich der 2016er mit sehr sanften Sherrytönen zufrieden gibt und vom Portfass noch einen super subtilen Fruchtsüße-Touch mitbekommt, hat der 2017 die volle Wucht Andalusiens zu spüren bekommen. Hier braucht es kein Finish, keine weitere Akzentuierung mehr, nur volle Aufmerksamkeit und große Freude.

Denn Spaß machen sie beide, die Starkicker, und das in gehörigem Ausmaße und mit kolossaler Ausdauer.

Geschmäcker und Watschen, sie seien bekanntlich verschieden.

Ob Sie nun mit dem etwas sanfteren, endlos-schmeichelhaften Lover von 1995/2016 liebäugeln oder sich doch in die breiten, sicheren Arme des 1996/2017 legen wollen, Potenzial zur großen Liebe haben beide.

Mit den besten Spirits
Reinhard Pohorec

Seit 2016 verzichten wir in unseren Tasting Notes auf numerische Bewertungen und geben unseren Eindruck nur mehr über die Beschreibung wieder. Wir tragen damit unserem Gefühl Rechnung, dass man mit einem starren Punkteschema Vergleiche forciert, die den Whiskys nicht gerecht werden. PS: Wir haben Geschmack. Unseren. Nicht Ihren. Unsere Verkostungsnotizen sind also kein richterliches Urteil, sondern unser persönlicher Eindruck.

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