Samstag, 27. Februar 2021, 19:29:37

Glen Grant nach 72 Jahren noch mit 56,2% vol. Alkohol? Stuart Urquhart, Gordon & MacPhail, löst das Rätsel

Wie kann Whisky nach 72 Jahren im Fass noch so stark sein? Stuart Urquhart, Operations Director, erklärt es exklusiv für unsere Leser

Als wir vor einigen Tagen über eine neue Abfüllung von Gordon MacPhail berichteten, einen Glen Grant 72yo, also einen Methusalem unter den Whiskys, war das Staunen groß. Nicht nur, dass ihn Whiskyikone Charles MacLean als einen der besten Whiskys, die er je getrunken hatte, bezeichnete – vor allem versetzte die Stärke der Abfüllung viele in Erstaunen: Wie kann es sein, dass ein Whisky nach 72 Jahren Fasslagerung immer noch 56,2% Alkoholstärke hat? Wo bleibt da der Angels‘ Share?

Diese Frage konnten wir nicht unbeantwortet lassen – denn das erscheint auf den ersten Blick eigentlich tatsächlich absolut unmöglich. Wir kontaktierten Gordon & MacPhail, den alteingesessenen unabhängigen Abfüller aus Elgin, und baten um eine Erklärung. Und diese bekamen wir postwendend von jemandem, der es wissen muss: Stuart Urquart, den Operations Director des Unternehmens, aus jener Familie, die bereits seit 1895 mit den Geschicken von Gordon & MacPhail verwoben ist.

Stuart Urquhart, Operations Director Gordon & MacPhail

Hier die Antwort in englischer Originalsprache – eine deutsche Übersetzung finden Sie im Anschluss:

“At Gordon & MacPhail,we do not focus on a cask releasing a certain age or certain abv, it is about releasing it when the whisky is at its absolute optimum quality. 

The Glen Grant 72YO, like many of our releases has been bottled at cask strength. The abv it is within a similar range to casks of similar age we have previously released, several factors affect this. Firstly, the environmental factor and this cask will have been kept at a cool temperature in our warehouse in Elgin, Morayshire, in the Scottish Highlands. Even in summer, temperatures inside the warehouse would rarely rise above 10 degrees Celsius so our native climate certainly helps to restrict The Angel’s Share. A second factor is the nature of the cask that has been cradling the spirit. This impacts the speed of maturation and, in turn, the favours imparted to the whisky over the decades. The thickness of the staves used to make the cask will have a direct effect on the rate of evaporation; thicker staves helping to slow the process. In general, an American oak bourbon barrel is used for maturation of lighter styles and due to its size matures spirit faster, whilst a larger Sherry Butt matures spirit more slowly , where G&M has successfully matured spirit for seventy plus years. The bigger the cask, the less spirit, comparatively, is in direct contact with the wood so maturation is slower. Finally In terms of evaporation losses from a cask, a key aspect is that the water and alcohol with the whisky can evaporate at different rates, if the water and alcohol are lost a similar rates then the strength of the cask is preserved, with increased losses experienced over the first years of maturation. Our internal standard (based on experience) is that 2% of alcohol is lost on average, in the specific case of this cask an alcohol evaporation was within expected tolerances, of spirit matured in a thick staved transport Sherry Butt, which is down to the factors mentioned.

With so many moving parts, maturation is quite rightly considered to be an art as much as a science.  My family been involved in Gordon & MacPhail since the first year of trading in 1895, and as a member of the fourth generation to work within the business, I can learn from decades of experience of experimentation with spirit from over 100 distilleries that has been matured in our bespoke casks for any time from 10 years up to 72 years. We are very careful to monitor maturing stocks carefully to make sure none fall below the minimum ABV of 40%, but the real skill comes in matching spirit to the right cask and then bottling it when it’s at its peak in terms of quality.”

Stuart Urquart, Operations Director Gordon & MacPhail

Des Rätsels Lösung besteht also aus mehreren Komponenten:

  • Eine sehr kühle und vor allem temperaturbeständige Lagerung (im Fall des Fasses kaum über 10 Grad)
  • Dicke Fassdauben, die den Angels‘ Share sehr niedrig halten und ein großes Fass, in dem der Oberflächenkontakt des Spirits minimiert ist
  • und vor allem das Verdunsten von Wasser und Alkohol in einem bestimmten Verhältnis zueinander, wodurch zwar das Fass leerer wird, aber die Alkoholstärke nahezu unverändert bleibt.

Nicht nur Stuart Urquhart merkt an, dass man bei Gordon & MacPhail einige solche Fässer besitzt, die die Reifung nahezu ohne Alkoholstärkenverlust überstanden haben, manche Whiskyfreunde werde alte Fässer mit hohen Alkoholstärken auch von der Destillerie Glenfarclas kennen.

Stuart Urquhart

Hier noch die Antwort von Stuart Urquhart in der deutschen Übersetzung:

„Bei Gordon & MacPhail konzentrieren wir uns nicht darauf, dass ein Fass ein bestimmtes Alter oder einen bestimmte Alkoholstärke hat, wenn wir es abfüllen. Es geht uns darum, es genau dann abzufüllen, wenn der Whisky seine absolut optimale Qualität aufweist.

 Der Glen Grant 72YO wurde, wie viele unserer Releases, in Fassstärke abgefüllt. Der Alkoholgehalt liegt dabei in einem ähnlichen Bereich wie bei Fässer ähnlichen Alters, die wir zuvor abgefüllt haben – und darauf wirken sich mehrere Faktoren aus. Erstens ist es der Umweltfaktor und dass dieses Fass in unserem Lager in Elgin, Morayshire, im schottischen Hochland, bei einer kühlen Temperatur gelagert wurde. Selbst im Sommer würden die Temperaturen im Lagerhaus selten über 10 Grad Celsius steigen, so dass unser heimisches Klima sicherlich dazu beiträgt, den Anteil der Engel einzuschränken.

Ein zweiter Faktor ist die Art des Fasses, das den Spirit aufnahm. Dies wirkt sich auf die Reifungsgeschwindigkeit und damit auf die Vorzüge aus, die dem Whisky dadurch im Laufe der Jahrzehnte gewährt wurden. Die Dicke der zur Herstellung des Fasses verwendeten Dauben wirkt sich direkt auf die Verdunstungsrate aus. Dickere Dauben helfen, den Prozess zu verlangsamen. Im Allgemeinen wird ein Bourbonfass aus amerikanischer Eiche zur Reifung leichterer Stile verwendet und reift aufgrund seiner Größe schneller, während ein größerer Sherry Butt den Spirit langsamer reift, wobei G & M Spirit seit über siebzig Jahren erfolgreich selbst zur Reifung bringt.

Je größer das Fass ist, desto weniger Spirit steht vergleichsweise in direktem Kontakt mit dem Holz, sodass die Reifung langsamer ist. In Bezug auf die Verdunstungsverluste aus einem Fass ist ein Schlüsselaspekt, dass das Wasser und der Alkohol aus dem Whisky mit unterschiedlichen Raten verdampfen können. Wenn das Wasser und der Alkohol in nahezu gleichen Anteilen verloren gehen, bleibt die Stärke des Whiskys, mit erhöhten Verlusten in den ersten Jahren der Reifung. Unser interner Standard (basierend auf Erfahrung) ist, dass durchschnittlich 2% des Alkohols verloren gehen. Im speziellen Fall dieses Fasses lag die Alkoholverdunstung innerhalb der erwarteten Toleranzen für Spirit, der in einem für den Transport vorgesehenen Butt mit dicken Dauben gereift ist.

 Bei so vielen Variablen wird die Reifung zu Recht sowohl als Kunst als auch als Wissenschaft betrachtet. Meine Familie ist seit dem ersten Handelsjahr 1895 bei Gordon & MacPhail tätig. Als Mitglied der vierten Generation, die innerhalb des Unternehmens arbeitet, kann ich aus jahrzehntelanger Erfahrung des Experimentierens mit Spirituosen aus über 100 Brennereien lernen in unseren maßgeschneiderten Fässern für einen Zeitraum von 10 bis 72 Jahren. Wir sind sehr darauf bedacht, die reifenden Bestände sorgfältig zu überwachen, um sicherzustellen, dass keine den Mindest-ABV von 40% unterschreitet. Aber die größte Kunstfertigkeit besteht natürlich darin, den Spirit in das richtige Fass zu geben und es dann abzufüllen, wenn es in Bezug auf die Qualität seinen Höhepunkt erreicht hat.“

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