Dienstag, 02. März 2021, 02:24:39

Vorsicht, Falle! Whisky online kaufen in Großbritannien – der Post-Brexit-Ratgeber

Unkompliziert war einmal - Ein Überblick über die Formalitäten und Kosten beim Einkauf im Vereinigten Königreich

Nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU sind die Zeiten für Whiskyfreunde am Kontinent andere geworden: War es bislang recht einfach, Whisky in UK zu kaufen und sich zusenden zu lassen, ist die Situation momentan eher unerfreulich. Jetzt von dort eine Sonderabfüllung oder bei uns nicht erhältliche Ausgaben zu kaufen kann entweder schwierig, teuer oder sogar unmöglich werden.

Dieser Artikel beschreibt die Punkte, die Sie seit dem Jahreswechsel VOR einem Whiskykauf in UK bedenken müssen, damit Sie nicht in die Preisfalle tappen, die der Brexit für Whiskyfreunde aufgestellt hat:

Die generelle Situation

Whisky aus dem Vereinigten Königreich zu importieren ist ab dem 1. Januar 2021 mit erheblichen Mehrkosten verbunden. Man hat nämlich den Warenwert samt den Versandkosten zu versteuern, zwar erst ab einem gewissen Freiwert, der aber bereits mit einer Flasche Single Malt überschritten ist.

  • Bis 22 Euro wird nur die Alkoholsteuer verlangt (die beträgt grob geschätzt 4-5 Euro pro Flasche)
  • zwischen 22 und 150 Euro kommt dann die Einfuhrumsatzsteuer von 19% dazu (Österreich: 20%)
  • ab 150 Euro wird zusätzlich zu allen anderen Kosten auch noch Zoll erhoben.

Die gute Nachricht: Der britische Händler sollte vom Verkaufspreis noch die britische Alkoholsteuer und die VAT abziehen, was zumindest die Einfuhrumsatzsteuer ausgleichen sollte und Einkäufe bis 150 Euro per se nicht verteuern sollte – die zweite schlechte Nachricht relativiert das aber.

Die erste schlechte Nachricht: Bei Auktionen ist das leider völlig anders; für den Gesetzgeber ist das nämlich ein Privatgeschäft, daher volle Einfuhrumsatzsteuer ohne Gegenrechnung der VAT!

Die zweite schlechte Nachricht: Auch die Zollformalitäten sind unter Umständen kostenpflichtig, und Zustelldienste wie z.B. DHL lassen sich den Mehraufwand und das Vorstrecken des Geldes auch bezahlen, was dann auch schon die Einkäufe unter 150 Euro wieder ordentlich verteuert.

Wie man es auch dreht und wendet: Einkauf in UK wird komplizierter. Und teils erheblich teurer.

Wem jetzt noch nicht komplett die Lust vergangen ist, in UK einzukaufen, der muss sich sich auch noch auf unterschiedliche Situation bei den verschiedenen Quellen einstellen:

Die großen und kleinen Händler

Viele Whiskyfreunde haben immer wieder einmal bei Uk-Händlern wie The Whisky Exchange oder Master of Malt Neuheiten oder Raritäten, die bei uns nicht zu erhalten waren, eingekauft. Die Preise lagen bis vor dem Brexit knapp über den Preisen in Deutschland, dazu kam noch der Versand.

Momentan, mit Stand Anfang Februar, kann man generell sagen, dass kein großer Händler zur Zeit in die EU liefert. Seit Jahresbeginn kündigt man auf den jeweiligen Webseiten an, dass man sich um eine praktikable Lösung bemühe, aber offensichtlich hat man noch keine gefunden. Bei kleinen Händlern mag es möglich sein, jemanden zu finden, der zum jetzigen Zeitpunkt in die EU versendet. Vor einer Bestellung raten wir auf jeden Fall, sich mit dem Shop in Verbindung zu setzen und die genauen Formalitäten abzuklären.

Die Distillery Shops

Hier ist es ganz unterschiedlich. Glengoyne zum Beispiel hat den Versand in die EU derweilen eingestellt, der Shop von Wolfburn ist vom Brexit völlig unberührt, bei Bruichladdich schlägt man auf die die Bestellung £10,50 auf und weist darauf hin, dass bei Bestellungen über 150 Pfund weitere Zollgebühren anfallen können. Auch hier ist momentan eine Kontaktaufnahme angeraten, bevor man bestellt.

Auktionshäuser

Nach unseren Informationen und zum Beispiel den Angaben auf whiskyauctioneer.com momentan das schwierigste Thema, da das als Privatgeschäft gesehen wird und keine VAT gegenverrechnet werden kann. Das bedeutet, dass die Kosten schnell enorm werden. Kleines Beispiel? Wir wissen von einer Sendung nach dem Gewinn einer Onlineauktion in Schottland. Der Warenwert 339 Pfund. Dazu kommen Versandkosten von 29 Pfund, die das Auktionshaus aufschlägt. Der Zoll nimmt noch einmal 190 Euro Einfuhrsteuer, der Versandleister 65 Euro für Handling und Abwicklung. Damit wurde aus einem Warenwert von 385 Euro nach Versand, Steuer und Handling eine Summe von 683 Euro. Wenn Sie also bei solchen Auktionen mitbieten, denken Sie bei Ihren Geboten die erheblichen Mehrkosten mit, um keine bösen Überraschungen zu erleben.

Unser Fazit:

Egal ob ein Whisky um 70 oder einer um 700 Euro: Wenn Sie momentan im Vereinigten Königreich kaufen und sich den Whisky nach Hause schicken lassen, wird es auf jeden Fall teurer, als Sie es bislang gewohnt waren. Bei Einkäufen ab 150 Euro wird es deutlich kostspieliger, bei Auktionen sollte man sehr genau überlegen, welche Summen man bieten will, damit der eventuelle Zuschlag nicht zum Schlag ins eigene Gesicht wird. Faustregel: Was Sie in Ihrem Heimatland bekommen können, ist mit fast absoluter Sicherheit in Summe billiger.

Ob sich diese für Whiskykäufer unerfreuliche Lage in nächster Zeit wieder verbessern wird, bleibt ungewiss. Es könnte sein, dass britische Händler dazu übergehen, die Last der Abwicklung auf die eigenen Schultern zu laden, denn der Wegfall der europäischen Kundschaft durch die harschen Preisnachteile, die diese momentan erleidet, wird nicht leicht zu verdauen sein und könnte ev. durch solche Services wie angesprochen gemindert werden. Tatsache bleibt aber, dass das ohnehin nicht günstige Einkaufsland UK teurer geworden ist – und komplizierter.

Und wie sind Ihre Erfahrungen?

Falls Sie seit dem 1. Januar 2021 Whisky in Großbritannien bestellt haben, posten Sie doch untenstehend einen Kommentar. Kennen Sie Shops, die noch in die EU liefern? Zu welchen Konditionen? Wie sieht es bei Destillerien aus? Welche Erfahrungen haben Sie bei Auktionen in UK gemacht? Im Namen unserer Leser Danke für Ihren Input!

4 KOMMENTARE

  1. Ohne Schadenfreude: Aber jetzt geht es euch, wie uns Schweizern, wenn wir Whisky aus dem EU-Raum oder aus UK importieren. Was mich daran am meisten ärgert sind nicht die effektiven Zollkosten (Alkohol und MWST), sondern die je nach Versanddienstleister erheblichen, anfallenden Handlinggebühren. Diese kann man nicht beeinflussen, da dies davon abhängig ist, mit wem der Versender zusammen arbeitet. Das kann dann soweit gehen, dass man sogar noch Lagergebühren bezahlt, wenn z.B. der Versender die Zolldeklaration nicht korrekt gemacht hat. Und das dann pro Tag bis alle Papiere korrekt vorliegen!
    Und umgekehrt können wir aus der Schweiz eigentlich nicht legal Whisky ins Ausland versenden, da die meisten Logistiker Alkohol über (?) 40% als Gefahrgut sehen und dies nicht mehr befördern wollen. Zumindest nicht von Privaten. Es bleibt ein privater Versanddienstleister übrig, aber der ist so teuer, dass man sich das gleich schenken kann.

  2. @ RoyalScotsman: Unabhängigkeit hat eben seinen Preis 😉
    Ich habe auch bereits Erfahrungen mit einer Lieferung aus UK nach D im Januar gemacht, allerdings bei weitem nicht so kostspielige wie im Beispiel. Der Shop hatte bereits bei Rechnungslegung für eine 0,7l Flasche Single Malt die britsche 20%ige Vat (38 GBP) vom Bruttowarenwert (225 GBP) abgezogen. Zu den 188 GBP Nettowarenwert kamen noch 21 GBP Versandkosten, also zusammen 209 GBP Überweisungsbetrag. Der (größte deutsche) Paketdienst hat bei Lieferung die 19% ige Einfuhrumsatzsteuer (40 EUR) vom Nettowarenwert (= Zollwert, umgerechnet 207 EUR) bei der Auslieferung eingezogen. Insofern bis hierhin unterm Strich so gut wie kein Unterschied zu früher. Neu hinzu kam dann noch die deutsche Alkoholsteuer (5 EUR) und eine pauschale Handlinggebühr des Paketdienstes (15 EUR), aber kein weiterer Zoll. Effektiv hat sich die Abfüllung im Direktimport also um rund 8 % durch den Brexit verteuert. Ärgerlich, aber überschaubar.

  3. Die letzte „große“ Lieferung vom Laphroaig Destillery Shop kam zweigeteilt, ein Paket aus Schottland und eines aus Deutschland.
    DS heißt also dass es ganz einfach über das Lager des Generalimporteurs ginge…

    Nun fragte ich an ob der Laphroaig 10 in Fassstärke aus Deutschland oder UK geliefert würde und bekam sehr zügig die Antwort dass dieser nur aus Schottland direkt lieferbar sein.
    Schade, eine Gelegenheit verpasst.

    Daraufhin wagte ich mich zu fragen warum sich denn die Preise für Deutschland im Destillery Shop nicht geändert haben, da sich der Konzern die britische VAT bei Export ja erstatten lassen kann, so aber der Käufer ja zweimal zahlen müsste (VAT & Einfuhrumsatzsteuer).
    Auf diese Anfrage wurde leider überhaupt nicht geantwortet.

    Nun, für mich gibt es auch andere gute Whiskies.
    Schade dass Laphroaig an einem Großkonzern hängt der es sich scheinbar leisten kann dass er einzelne Kunden verliert.

  4. Hatte mit vor kurzem Santory noch auf meine Anfrage an Laphroaig geantwortet und bestätigt dass meine Lieblingswhiskies weiterhin direkt aus Schottland geliefert werden und dies meine Rückfrage bezüglich doppelt zu zahlender Umsatzsteuer einfach ignorierte ging Laphroaig wohl selbst in die Offensive und erklärte dass alle EU-Kunden zukünftig aus Germany beliefert würden und somit ausschließlich die nationale Umsatzsteuer anfällt
    Zugegebenermaßen misstrauisch habe ich es ausprobiert und siehe da: Alles gut.
    Deutsche Umsatzsteuer war (wie wir es alle gewohnt sind) im Kaufpreis enthalten und es vielen (außer Versand natürlich) keine weiteren Kosten an.

    Zumindest bei Laphroaig ist die Welt also für uns EU-Mitglieder wieder in Ordnung.

    Dennoch eine sehr bescheidene Leistung der Santory-Gruppe

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