Mittwoch, 25. November 2020, 12:44:45

Whisky und Frauen – Julia Nourney: Weg mit den Kopfblockaden!

Beam 2020 Bowmore

Heute findet zum ersten Mal der Internationale Tag der Whisky-Frauen statt, mit dem die Leistungen von Frauen in der Whisky-Industrie besonders gewürdigt werden. Aus diesem Anlass finden Sie heute auf Whiskyexperts ausschließlich Beiträge von Frauen aus der Whiskyszene. Unser dritter Beitrag stammt von Julia Nourney. Die international tätige Spirituosen-Fachfrau aus Oberursel bei Frankfurt beschäftigt sich schon seit fast zwei Jahrzehnten mit Whisk(e)y, Grappa, Obstbrand und Co. Sie ist angesehenes Jurymitglied bei internationalen Wettbewerben wie der IWSC und bietet Fortbildungen in Sensorik und nahezu allen Spirituosenbereichen an. Sie wurde 2007 von „Der Feinschmecker“ als „Whisky-Kenner des Jahres“ ausgezeichnet. 

Julia Nourney
Julia Nourney

Globale Märkte, unendliche Abfüllungen.
Wir schreiben das Jahr 2014.
Dies sind die Abenteuer der Schottischen Whisky Industrie, die – abgesehen von geringfügigen Schwankungen – seit Jahrzehnten auf höchst professionelle Weise versteht, die Scotch-Umsätze anzuheizen und die Zahl der Anhänger kontinuierlich zu steigern.  Bei ihren Versuchen fremde Galaxien zu erforschen und neue Zivilisationen zu entdecken, haben sie plötzlich eine neue Kundengruppe ausgemacht: das weibliche Wesen! Umgangssprachlich auch „Frau“ genannt!

Obwohl bisherige Marketing-Taktiken eher auf die männliche Klientel abzielten, hat sich da zur Verwunderung der Strategen eine bislang unbekannte und rätselhafte Kundengruppe eingeschlichen und – oh Wunder, wie konnte uns das nur entgehen? – sie zeichnet schon für mehr als ein Drittel der Umsätze verantwortlich. Dabei handelt es sich meistens gar nicht um „Frau“, die lediglich die Kauforders ihres Chefs ausführt oder ihrem Liebsten ein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk kauft, nein – kaum zu glauben! – sie trinkt das Zeug selber! Zielsicher verschmäht sie den angebotenen Likör und greift stattdessen lieber zu Glenmorangie oder Laphroaig, gerne auch in Fassstärke.  Dabei brilliert „Frau“ oft mit exzellentem Fachwissen und hat gegenüber vielen männlichen Mittrinkern auch noch sensorisch die Nase vorn.

Was liegt also näher, als schnell einen „Frauen-Whisky-Tag“ ins Leben zu rufen und somit eventuell drohenden Unmut, der durch die jahrzehntelange Missachtung entstehen könnte, schon im Keim zu ersticken? Hört sich plausibel an, trifft aber nicht den Kern. Denn dieser „International Women of Whisky Day“, der dieses Jahr am 03. Mai zum ersten Mal begangen wird, ist gar nicht alleine auf den Mist der Schottischen Whisky-Industrie gewachsen, sondern ist vielmehr einer Initiative des diesjährigen Speyside-Whisky-Festivals zu verdanken. Dessen Organisatoren haben nur allzu gern die Idee der Whisky-Autorin und  jahrelangen Mitstreiterin Martine Nouet aufgegriffen und das 2014-er Festival ganz unter das weibliche Motto gestellt.

Die Reaktion von „Frau“ dürfte ambivalent sein.
Einerseits ist es ja mehr als begrüßenswert, dass hier endlich mal jemand die Initiative ergreift und die Rolle der Frau, die sich sowohl beruflich als auch in Genussdingen in einer Männerdomäne bewegt, ins rechte Licht rückt. Da wird das weibliche Ego kollektiv gebauchpinselt!
Andererseits… warum, bitteschön, ist die Whisky-Welt im Jahre 2014 immer noch eine Männerdomäne?
Warum wird „Frau“ immer noch komisch beäugt und schnell als Alkoholikerin abgestempelt, wenn sie sich statt Riesling, süßem Cocktail oder Sekt in einer Bar einen Whisky – Bitte pur! Ohne Eis! – bestellt?
Warum bekommt „Frau“ in manchen Brennereien nach der Führung immer noch automatisch einen Likör hingestellt, während ihr männlicher Begleiter mit einem Single Malt verwöhnt wird?
Warum gibt es bei so vielen Whisky-Events abstinente Frauen, die ihre Partner anschließend heimfahren, kaum aber nüchterne Männer, die das für ihre Partnerinnen tun?
Und last but not least: warum reagiert mancher Mann immer noch skeptisch, wenn „Frau“ ein Whisky-Seminar leitet?

Wir schreiben das Jahr 2014. Es ist höchste Zeit, sich von Kopfblockaden und Vorurteilen zu lösen.  Dann braucht es auch keinen „Frauen-Whisky-Tag“ mehr!

Überlegungen von Julia Nourney, die sich am 03. Mai einen leckeren Dram einschenken wird und sich schon mal Gedanken über das beste Datum für einen „Männer-Whisky-Tag“ macht. Schließlich sollte man die Feste feiern, wie sie fallen!

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