Samstag, 08. August 2020, 11:05:21

Gastbeitrag: Treffpunkt Bunker City – ein Besuch bei St. Kilian im Juli 2020 (Teil 2)

Ein Bericht über die größte deutsche Whiskybrennerei und die Menschen dahinter - von Stefan Bügler

Whisky ist immer sehr stark mit den Menschen verbunden, die ihn erzeugen. Ihre Ideen, ihre Erfahrungen prägen seinen Stil ebenso wie es die Brennblasen tun.

Es sind aber nicht nur die im Rampenlicht stehenden Menschen, wie zum Beispiel die Master Blender oder die Distillery Manager – jeder der Mitarbeiter, vom Mash Man bis zum Verantwortlichen für die Lagerhäuser, trägt seinen Teil dazu bei, dass der Whisky einer Brennerei im Idealfall etwas Unverwechselbares wird – oder, wenn es sich um Mitarbeiter des Visitor Centers handelt, der Besuch dort.

Unser Gastautor Stefan Bügler, dem wir schon einen einfühlsamen Artikel über ein Fest bei der Lindores Abbey Distillery, über Glen Scotia (Teil 1 und Teil 2) und einen über Springbank (Teil 1 und Teil 2) verdanken, nimmt sich in seinem vierten Beitrag den Menschen hinter der Brennerei St. Kilian in Unterfranken an. Deutschlands größte Whiskybrennerei konnte schon mit mehreren Abfüllungen Whiskyfreunde überzeugen – und der Blick auf die Menschen, die diese Destillerie mit viel Freude und Einsatz am Laufen halten, zeigt sie als einen wichtigen Faktor dabei.

Den Artikel bringen wir für Sie in zwei Teilen (der erste Teil ist am Freitag erschienen, Sie können ihn hier nachlesen) – und wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre:


Treffpunkt Bunker City – ein Besuch bei St. Kilian im Juli 2020 (Teil 2)

Jetzt wird die Vision von St. Kilian auch für mich real. Zurück am Ortseingang von Rüdenau deuten auf die größte deutsche Whisky-Brennerei (Jahresproduktion ca. 200.000 LPA) von außen eine kleine Fasspyramide, der „Whisky“-Schornstein und Malzsilos hin. Letztere wurden kürzlich um ein drittes erweitert zur sortenreinen Zwischenlagerung von getorftem Malz, welches mangels deutscher Alternativen von den Glenesk Maltings aus Schottland bezogen wird.

Der erste Blick in das Erdgeschoss der Produktion lässt Erwartungen aufkommen, die auch auf den zweiten Blick nicht enttäuscht werden. Hier wurde nicht gespart, was die Produktionsmittel betrifft und bestätigt die Einstellung von Andi Thümmler: „Qualität durch Qualität.“

Während in neuen Brennereien in Schottland nun häufig CTS Process Mühlen stehen, die natürlich keinesfalls die Robustheit von Porteus oder Boby Mills aufweisen, steht hier Qualitätskraftarbeit aus der Schweiz von Bühler, die sich im Braugewerbe bewährt hat.

Mario Rudolf kennt sich dort bestens aus, ist Diplom-Braumeister, hat Brauen und Mälzen bei der Brauerei Schmucker im Odenwald gelernt und zuvor eine Schreinerlehre absolviert. So ist es nicht verwunderlich, dass seine breite Erfahrung bei St. Kilian komplett verbaut ist.

Schon die Tatsache, dass wir uns im Bereich des Lower Tun Rooms aufhalten können, der in Schottland bei Holzwashbacks wegen der CO2-Abgase nicht begehbar ist, zeigt den Vorsprung durch Technik: das CO2 wird komplett durch Rohre nach draußen abgeleitet.

Es ist die Spitze des Eisbergs. Hier trifft deutsches Brauerei- und Brennerei High-Tech (Rohrleitungsbau, Messinstrumente, Sicherheitstechnik) auf eine schottische Anlage (Mashtun, Washbacks, Pot Stills). Eine Kombination, die sich sehen lassen kann und mit der Mario Rudolf höchst zufrieden ist:

„Es war für mich schon eine einmalige Chance, hier seit dem Planungsstadium dabei zu sein und die Anlage, sämtliche Gebäudeteile sowie die Besucherräume mit zu gestalten und aufzubauen. Hier steckt sehr viel Herzblut drin – von uns allen – gepaart mit dem Mut von Andi, das Geld für eine bisher einzigartige Brennerei in Deutschland in die Hand zu nehmen.“

In der Tat merkt man das in jedem Winkel von St. Kilian. Vergleiche zu Deanston, halten nur in Bezug auf eine Textilfabrik als vorheriger Nutzer stand und die Anpassung des Equipments an die gegebenen Räumlichkeiten. Letzteres hat sich vor allem auf die Form und Features der Brennblasen ausgewirkt, die einen trotz ihre kleinen gedrungenen Form einen weichen Rohbrand-Charakter erzielen sollen. Der Grundaufbau erinnert eher an die Glengyle Distillery in Campbeltown.

Gleich hinter der Mashtun (Läuterbottich) treffe ich Olli Fink, Brand Ambassor für Deutschlands Norden. Olli selbst ist „Nordisch by Nature“, sehr unaufgeregt aber voll des St. Kilian-Feuers, nebst des gleichnamigen Tatoos auf dem Unterarm.

Meet Olli Fink, Brand Ambassador

Bei St. Kilian seit: Februar 2019

Lieblingsplatz: Die Washbacks aus Oregon Pine, denn ich mag Holz sehr und stelle selbst Möbelstücke aus Paletten und Fassdauben her.

Lieblingsabfüllung:   St. Kilian Ex-Faust Eisbock – 4 Gründe: 1. French Oak, 2. Vorbelegung mit Rémy Martin Cognac, 3. genialer Eisbock, 4. leicht torfiger St. Kilian

Ihm haben es die Washbacks aus Oregon Pine besonders angetan: „Ich mag Holz. Einerseits als wichtige Geschmackskomponente für das „Bier“, welches wir als Ausgangsprodukt für die Destillation brauen. Andererseits stelle ich auch Holzmöbel her. Hinzu kommt der in der Whiskyindustrie ungewöhnliche Ansatz, mit Kühlplatten die Gärtemperatur zu kontrollieren. Ein Produktionsdetail das zeigt, dass bei St. Kilian alles konsequent durchdacht ist. Ich bin schon einige Jahre in der Whiskyindustrie und finde die umfassende Qualitätsphilosophie bei St. Kilian sehr überzeugend und die Ergebnisse spannend.“

Das von Olli angesprochene „Bier“ ist für Mario der qualitative Startpunkt für ein gutes Destillat. „Es hilft nicht, wenn man versucht nur die Maische zu destillieren. Bekommst Du die Gärung (und damit das „Bier“) nicht hin, kannst Du destillieren wie Du willst, es kommt kein guter Malzbrand raus“, sagt er und wendet sich den Brennblasen zu, die wie die zwei Königskinder zwar nebeneinander stehen, aber doch Galaxien entfernt.

Die Spirit Still ist in einem Glaskäfig gefangen, denn St. Kilian ist eine Verschlussbrennerei. Hier wacht der Zoll über jedes Tröpfchen hochprozentigen Alkohols, das produziert wird. Damit der Brand auch möglichst weich wird, ist im Hals der Spirit Still ein seltener Reflux Condenser eingebaut – eine Rohrwendel, die gezielt mit Kühlwasser beschickt wird, um den Rückfluss in die Brennblase zur nochmaligen Destillation exakt zu steuern. Dank Messtechnik geschieht dies via Computer, während Mario den Spirit Safe hinter Glas nur mit manueller „Fernbedienung“ betreibt. Für die Geschmacksprobe kann er jedoch New Make zapfen, der natürlich über einen Zähler geht. Der Zoll grüßt herzlich.

Der New Make Spirit kommt etwa mit 69% aus der Destillation und wird mit dem Industriestandard 63,5% vol. Alc. nur in die besten Fässer gefüllt, allerdings nicht mehr unter der Aufsicht des Zolls.

Den gereiften Whisky zukünftig zu verkaufen, darauf freut sich Vertriebsleiter Thorsten Manus. Geprägt von der Liebe zu Schottland, Erfahrungen bei einem deutschen unabhängigen Abfüller, einem eigenen Whiskyladen und eigenen Dudelsack Künsten, scheint er die Mizunara-Fässer im Lagerhaus sowie die Vertriebsaufgabe mit Leichtigkeit zu schultern.

Meet Thorsten Manus, Head Of Sales

Bei St. Kilian seit: August 2019

Lieblingsplatz: Die Lagerhäuser – dort reift, was ich unseren Fans                                             zukünftig anbiete

Lieblingsabfüllung: St. Kilian Signature Edition FIVE – der ungetorfte Batch aus Virgin Oak Casks versetzt mich durch die Holzaromen sofort ins Lagerhaus.

„Die Vielfalt ist einzigartig bei St. Kilian. So richtig können wir noch von keiner Standardabfüllung reden, sind in der Identitätsfindung wie ein Kind, das sich ausprobiert. Manche Sachen klappen besser als andere, aber wir stehen immer voll hinter den Abfüllungen die wir rausbringen. Den Fehler, sie mit einem 12yo Scotch Single Malt zu vergleichen, darf man jedoch nicht machen. Aber vor der Reihe neuer schottischer Brennereien brauchen wir uns in puncto Geschmack und Qualität keinesfalls verstecken. Ganz im Gegenteil. Davon haben sich viele Leute schon sehr früh überzeugt und sind zu Eignern von 30l-Fässern mit unterschiedlicher Vorbelegung geworden, wahlweise mit un- oder getorftem New Make. Die Besitzer besuchen uns sehr regelmäßig“, sagt Thorsten.

Im Lagerhaus gibt es umgehend den Beweis: einen Schluck ungetorften Spirit frisch aus dem Mizunara-Fass. Nach etwa 10 Monaten weist dieser schon eine erstaunliche Reife auf. Der New Make-Charakter ist gelben Früchten mit einer leichten Holznote gewichen – eine Aussicht auf ein spannendes Ergebnis in kommenden Jahren.

Nach weiteren Fassproben finden wir uns zum großen Finale: einem tieferen Screening einiger Cask Samples – im Besucher- und Shopbereich wieder. „Horizonterweiterung“, bemerkt Olli trocken – wer aus Schleswig-Holstein kommt, der kennt sich mit Horizonten aus. Natürlich behält er recht.

Die Aufzeichnungen von Mario sind umfassend in Bezug auf die Destillation und die Herkunft der Fässer. Sehr früh hat er sich in die Materie eingearbeitet und verfügt mittlerweile durch direkte Besuche über sehr viele eigene Kontakte für den Fassbezug. Das zahlt sich für das reifende Produkt mehr als aus.

Heute schmecken natürlich manche Samples reifer als andere, aber alle haben sie eine weiß-gelb fruchtige Kraft und eine Qualität, dass sich für mich kaum die Frage des „ob“, sondern vor allem des „wann“ hinsichtlich der Abfüllung stellt.

Die Qualitätsvision „Whisky made in Germany“ von Andi Thümmler ist schon sehr real greifbar.

Das Licht der Abendsonne berührt nur noch wenige Baumwipfel des Tals. Klare Anzeichen für das Ende eines sehr ereignisreichen Tages. Mit St. Kilian habe ich eine deutsche Whisky-Brennerei kennengelernt, die durch Andi’s Investment technisch das Beste vereinigt, was Schottland und Deutschland zu bieten haben.

Mario’s Team produziert daraus einen qualitativ hochwertigen Rohbrand, der nur in die besten Fässer gefüllt wird. Die „Mainside“ bietet mikroklimatisch sehr gute Bedingungen für die Reifung des Whiskys. Die Abfüllungen des gelagerten Rohbrands „Spirit of St. Kilian“ und die derzeitige „Signature“-Reihe mit unterschiedlichen Fassarten sowie in der Brennerei erhältliche Single Casks zeigen klar das Potenzial von St. Kilian. Für Thorsten ist es sicher der „Job of a lifetime“, diesen Stoff zu verkaufen.

St. Kilian – der Schutzpatron der Franken – und seine Gefährten Kolonat und Totnan zogen einst im 7. Jahrhundert aus, um das Frankenland zu missionieren. Andi, Mario und Thorsten sind quasi in ähnlichem Auftrag unterwegs. Vorbehalte gegen jungen und deutschen Whisky wird es zunächst in einer Community geben, die stark schottisch und von 10+ Jahre alten Whiskies geprägt ist. Doch die neuen Brennereien – vor allem in Schottland, England und Japan – machen international jüngere Whiskies derzeit salonfähig. Davon profitiert auch St. Kilian Distillers mit einem zunächst nationalen Ansatz und sehr guten Argumenten im Glas, die auch im Vergleich zu den neuen internationalen Brennereien überzeugen.

Der Wind weht den Duft reifender Fässer zum Abschied herüber. Das zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht und die Vorstellung in meinen Kopf, dass sich St. Kilian, Kolonat und Totnan als Engel über dieser Brennerei sehr wohlfühlen. Die Reise nach Franken hat sich für sie nach über 1300 Jahren durch das Angels’ Share der St. Kilian Brennerei endlich gelohnt. Hier verfolgen sie nun die spannende Story von Anfang an.

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