Freitag, 17. September 2021, 12:14:42

Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland von Uli Franz (Folge 38)

Über 1500 Kilometer zu siebzehn schottischen Brennereien - von Benriach zu Glen Grant

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Wir freuen uns, Ihnen jeden Sonntag ein Stück einer wunderbaren Geschichte über Schottland, Whisky und das Reisen vorstellen zu dürfen: Exklusiv auf Whiskyexerts präsentieren wir Ihnen Whisky Cycle, das neueste Buch von Uli Franz, als Fortsetzungsgeschichte.

Uli Franz lebt als Schriftsteller im Chiemgau und auf der dalmatinischen Insel Brac’. Von 1977-80 arbeitete er als Zeitungskorrespondent in Peking. Über China und Tibet veröffentlichte er zahlreiche Bücher. Zuletzt erschienen Radgeschichten und „Die Asche meines Vaters“ (Rowohlt Verlag).

Das Buch Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland (ca. 320 Seiten) ist momentan in der ersten Auflage vergriffen – über Neuigkeiten zu Bestellmöglichkeiten werden wir Sie natürlich rechtzeitig informieren.

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Die Radtour zu 17 schottischen Destillerien. Karte von Alba Collection

-hier geht es zur Folge 37-

Whisky Cycle – Eine Radreise durch Schottland von Uli Franz (Folge 38)

Zu Fuß schlenderte ich die paar Meter die Fassstraße entlang bis zum Schubtor, an dem das Vorhängeschloss in der Mittagssonne glänzte. Tief durchatmend, die süßlich-mostige Engelswolke hinter mir lassend, trat ich ins Freie. In der nahen Garage tankte Calm ein neues Fass auf und sah nur kurz zu mir herüber. Ich winkte ihm zu und querte den Hof, vorbei am Fässerwurm, zum Parkplatz, wo mein Rad mit den Packtaschen noch immer unabgeschlossen neben dem schwarzen Prestige-Vehikel parkte.

Das Office war klein und holzgetäfelt und durch eine Schwingtür mit einem kargen Verkostungszimmer verbunden. Der erste Eindruck – rustikal und kostengünstig eingerichtet! Alles low budget mit einer Wandverkleidung aus Nut- und Federbrettern gezimmert. Edel wirkten hier nur die beiden alten Malts in einer verschlossenen Glasvitrine. Diese raren Abfüllungen hinter Glas waren längst vergriffen und dienten nur noch als Ausstellungsstücke. Eine Bürokraft war hinter ihrem Monitor hervorgekommen und schenkte mir nun schweigend und stocksteif ein Dram ein, einen Zehnjährigen, der den recht ausgefallenen Namen „Curiositas“ trug. Des Lateinischen mächtig, notierte ich ins Tagebuch den Whisky „Neugier“ als Kostprobe Nummer 24.

Strohblond stand er im Glas, so hell, dass nicht der geringste Verdacht auf die Beigabe von Zuckerkulör aufkam. In der ersten Schnuppernase überraschte eine gemäßigte Torfnote und ich fragte mich, was hat dieses rauchig-medizinische Aroma in einem Speyside verloren? Die ältere Dame, die mich wohl nur aushilfsweise und widerwillig bediente und mit kalter Miene hinter dem Verkostungstresen stand, erklärte professoral: „Diese Edition ist eine Hommage an die Pionierzeit, als man auch in Speyside aus Mangel an Feuerholz die Gerste über Torffeuer darrte.“

Zum Glück streifte die Rauchnote nur flüchtig Nase und Gaumen. Schon drängten Fruchtnoten nach, und Botschaften aus dem Sherryfass erreichten brizzelnd die erwartungsvollen Papillen. Viel Süße überschwemmte den Zungenrücken und schwappte bis ganz nach hinten im Mund, bis zur Bitterzone, wo sie sich für eine Weile einnistete. Auch im Nachklang schmeichelte Feigen- und Rosinensüße, als wollte sie sich für die rauchige Ouvertüre entschuldigen. Leider, leider schwamm der Alkohol obenauf und war nur ungenügend in die Fruchtnote eingebunden, so dass ein finales Brennen die Speiseröhre von oben bis unten malträtierte. Beachtlich der Antritt, ohne Frage, auch die Performance, aber dann der Abgang – ein einziges Kratzen bis hinab in den geschockten Magen. Ich gebe zu, kurz hatte ich geschwankt, wollte dem Curiositas schon vier Stützräder geben, aber dann dieser enttäuschende Nachhall. Eigentlich schade, aber der getorfte Lateiner verdiente nicht mehr als drei Stützräder.

Nach einem kräftigen Schluck Wasser aus der bereitstehenden Karaffe, folgte das zweite Dram in Cask Strength mit 46 % vol. Diese Angabe besagte, dass dem Whisky nach der Fassreifung kein Verdünnungswasser zugesetzt worden war. Die zweite Kostprobe trug die schlichte Bezeichnung „Sherry Wood“ auf dem Etikett. Bronzefarben stand die Fassstärke im Glas und wie ich den Malt kreiseln ließ, sanken dank seiner Konsistenz ölige Schlieren zum Glasboden hinab. Ehrlich und nicht durch verdunkelndes „caramel“ verfälscht, belegte die helle Farbe die astreine zwölfjährige Fassreifung.

Beim ersten Schnuppern, ganz gleich mit welchem Nasenflügel, begrüssten mich Honig, Feige und Vanille. Kein Anflug von Rauch und Bitterkeit wie beim getorften Bruder, aber auch kein aromatischer Gegensatz, der einen hohen Spannungsbogen ausgelöst hätte. Im Schwall fluteten Trockenfrüchte in Nase und Rachen. An der Zungenspitze, dort wo die Süße erkannt wird, blieben fruchtige und würzige Aromen haften. Tiefer in der Mundhöhle schmeckte ich beim Kauen Geröstetes und Holz, auch ein Rippchen Schokolade und im Nachklang Mandarine, Zitrus und wieder Vanille. Von der Ouvertüre bis zum Finale spielten Fruchtnoten die erste Geige. Selten hatte ich solch ein fruchtiges Dram probiert – was für ein Gegensatz zu einem Laphroaig oder Ardbeg. Obwohl ich weder Torf-Fan noch Torf-Gegner bin, war mir der Sherry Wood zu süß und in seiner Fruchtigkeit zu eindimensional geraten, irgendwie erinnerte er mich an überzuckerte Marmelade. Ohne Federlesens verpasste ich ihm zwei Stützräder, kam aber dann doch ins Grübeln: Warum diese Dominanz an Sherry Noten, musste er gleich solch ein Bonbon sein?

Ich hätte wetten können, dass hier ein Whisky komponiert worden war, um die vor allem von Frauen vorgebrachte Kritik zu entkräften, dass Whisky immer medizinisch-rauchig und männlich herb schmeckt. Ein ganzes Whiskyfass hätte ich wetten können, dass hier ein weiblicher Gaumen am Werk war! So fragte ich die steife Bürodame, die in ihrem gerüschten Kostüm noch immer wie erstarrt hinter der Schanktheke stand und schweigend jede meiner Gesichtsregungen beobachtete. Und tatsächlich erfuhr ich nach anfänglichem Zögern aus ihrem Mund die näheren Umstände des Blend Werks: unter dem Vorzeichen Fruchtigkeit und Süße hatte die neue Master Blenderin unterschiedliche Sherrys vermählt – Fässer von Oloroso Sherry und Pedro Ximenez Sherry aus Jerez.

Bisher war für mich Sherry gleich Sherry, einfach ein süßer, lange vergorener Traubenextrakt. Aber jetzt hörte ich von großen Unterschieden und wurde von ihr in knappen Sätzen belehrt: „Am Anfang ist der Sherry ein trockener Weißwein, der nach der Gärung mit Branntwein versetzt und dadurch stark alkoholisiert wird. Beim Oloroso, was ‚Duftender‘ heißt, kommt man auf stolze 20 % vol. Alkohol. Dadurch bildet sich keine Florhefe im Fass und die Reifung bringt einen trockenen, nussig schmeckenden und sehr dunklen Sherry hervor.“ Die strenge Dame, die mit geizig wenig Make Up auskam, schaute mich an wie eine Lehrerin, die ungern alles zweimal erklärt.

Benriach einst…

Ja, irgendwie leuchtete mir der Sachverhalt ein und ich nickte. Sie sprach gleich weiter: „Anders der zweite Sherry, der Pedro Ximenez. Der ist süß wie ein Sirup. Die extreme Süße erhält er durch Trocknen der geernteten Trauben auf Bastmatten unter der andalusischer Sonne. Da dieser Sherry weniger stark aufgespritet wird, bildet sich im oberen Teil des Fasses ein Teppich aus Weinhefe, wodurch nur ein Teil des Zuckers in Alkohol umgewandelt wird, was eben den Sirup-Charakter dieses cremigen Sherrys hervorbringt.“

Aha, dachte ich mir, die Frau Lehrerin bringt doch die Zähne auseinander und hat sogar Sachverstand, sehr beruhigend, gar herzberührend, empfand ich diesen Umschwung. So schüttelte ich ihr zum Abschied freudig erregt die Hand und bedankte mich für die beiden kostenlosen Drams samt Erklärung. Vorauseilend brachte sie mich zur Tür und verabschiedete mich aus dem Office von BenRiach.

Kaum an der frischen Luft, spürte ich am ganzen Leib, dass mich das doppelte Quantum Ethanol noch ein Stück der Fahrstrecke begleiten würde. Leicht benebelt von einem Lateiner und einem Andalusier blinzelte ich in die Sonne und setzte Helm und Sonnenbrille auf. Tief durchatmend schwang ich das rechte Bein über die Hürde, die beim Herrenrad Oberrohr heißt, und startete wieder mal mit der Erkenntnis: sip & cycle sind eine Kunst, die Balance-Fähigkeiten erfordert.

An der Auffahrt, die das Rad nun ohne mein Zutun abwärts rollte, standen die Fahnen noch immer vor dem Wind und ihr Knattern und Flattern wurde zur Melodie meines Abschieds von der amerikanisch-schottischen Institution. Ein gutes Gefühl nahm ich mit auf den Weg nach Speyside. Tief beeindruckt hatte mich das gigantische Fasslager von BenRiach, aber zu diesem Eindruck kam noch etwas hinzu. Ganz zum Schluss hatte mir Phillip noch einen goldwerten Tipp, schon beinahe einen Geheimtipp, für die nächste Etappe mitgegeben.

Jetzt hieß es aber erst mal wieder treten, und zwar flott, denn ich musste mich in den Verkehrsfluss auf der geschäftigen A 941 einfädeln.

Erleichtert sah ich schon kurz nachdem ich meine Borderline-Position im dicht fließenden Autoverkehr gefunden hatte, das grüne Schild „Rothes 6 miles“ größer und größer auf mich zukommen. Der Nebel im Schädel hatte sich zum Glück verzogen und der Kopf war wieder zum Rechnen fähig: nur noch 10 Kilometer bis Rothes, bis zum Nordtor von Speyside! Das ließen sich die Waden nicht zweimal sagen und beschleunigten den ganzen Mann auf 25 km/h.

Links und rechts der Straße stand die Sommergerste noch auf niederem Halm, nicht höher als eine gespreizte Hand, dafür spitzte sie bereits saftig grün aus der Erde. Natürlich war ich für die Ernte noch viel zu früh dran, erst im September würden die Mähdrescher anrücken und auf den gewaltigen Feldern für Kahlschlag sorgen, vorausgesetzt, das Wetter spielte mit. Noch lag die Monokultur als grüne Zudecke über dem flachen Land, das sich gen Süden in bewaldeten Hügeln verlor.

Dank strammer Fahrt durfte ich schon bald erleben wie die Landschaft ihr Saftgrün gegen himmelwärts wachsendes Laubgrün eintauschte. In zahlreichen Nuancen von Signalgrün bis Waldmeistergrün lag das Grün dicht wachsender Laubbäume eine halbe Stunde später auf der Palette, viel augenfreundlicher und aufregender als die Monotonie der zweckdienlichen Gerstefelder. Nichts Schroffes, keine Felstürme, nur sanft geschwungene Hügel formten ab jetzt die östlichen Ausläufer der Highlands. Nirgendwo waren kahle, versteppte Hänge zu sehen – jedes Fleckchen Erde ein Garten mit bauschenden Bäumen. Nahe Rothes bedurfte es nur eines flüchtigen Blicks auf den Fluss Spey und seine dickstämmigen Ufereichen, schon wurde mir klar, neben Glen Affric war Speyside das schönste Stück Natur, das ich bisher durchfahren hatte. Auch wenn die wasserreichen Auen von Siedlungen und versprengten Cottages besetzt waren und knapp 60 Brennereien vom Wasserreichtum der Region profitierten, spürte der Ankömmling doch sofort: Hier hat nicht der Mensch, sondern die Natur das Sagen, nicht auftrumpfend, nicht selbstgefällig, eher verhalten und versöhnlich. Im Naturpark Glen Affric hatte ich hochprozentige Steigungen bewältigen müssen, aber hier kam mir die Landschaft wie hingelegt vor, als hätte ihr Schöpfer allen Radfahrern einen Gefallen tun wollen.

Glen Grant Distillery, Foto von S8z11, GNU-Lizenz

Schon fällt die Straße ab, ein Tal rauscht auf mich zu und wie im Film steht auf dem größer und größer werdenden Schild ein ersehnter Ortsname, der Name „Rothes“. Jetzt muss ich bremsen und mich in die Kurve legen, mit Schwung saugt mich ein Kreisverkehr ein und lässt mich erst an der Reklametafel einer berühmten Brennerei wieder los, einer Brennerei, die ich zu meinem nächsten Ziel erkoren hatte, die Destille von Glen Grant[1].

Das ganze Ensemble an Gebäuden könnte auch eine Burganlage sein, so martialisch schauen die Kegeltürme zwischen den Laubkronen hervor. Aber die steinalten, unverputzten Fassaden zeigen nur eine Seite von Glen Grant, die andere versteckt sich hinter blühenden Apfelbäumen und violetten Rhododendren im Glen. Die versteckte ist der Apfelgarten von James Grant junior, besser bekannt als Major Grant. Wer den Garten durchstreift und bis zur Whiskyhütte an der Kaskade hochsteigt, bekommt ein Gespür für die Kultiviertheit der Whiskypioniere von einst.

Die Brüder James und John Grant, die 1840 die Brennerei gründeten, waren innovative Entrepreneurs, alles andere als trinksüchtige Profiteure, denen es nur ums Geldverdienen ging. Sie investierten in die modernste Ausrüstung ihrer Zeit. So war Glen Grant die erste schottische Destillerie, die im Jahr 1861 Glühlampen für elektrisches Licht in allen Gebäuden installierte und die feuergefährliche Petroleum-Glühlichtlampe aus der explosiven Produktion verbannte. Von James Grant junior ist bekannt, dass er das erste Automobil in den Highlands fuhr, wichtiger noch, dass er den Brennprozess revolutionierte, indem er auf den massigen Bauch der Brennblase ein extrem hohes Kupferrohr montieren ließ, was einen sanften Brand bewirkte.  

Leider geriet nach Major Grants Ableben sein Lebenswerk in Gefahr. Oft wechselten die Besitzer und schließlich wurde aus der solide gebauten Destillerie im Tal ein Spielball der Giganten: Glen Grant wurde unter der Regie von Chivas Regal dem französischen Konzern Pernod Ricard zugeschlagen, und die Franzosen verkauften in einem Bieterwettkampf das Objekt der Begierde für 115 Millionen Euro an den italienischen Campari-Giganten, der sich bekanntlich mit Aperol und Cinzano eine goldene Nase verdient.


[1] glen grant

(Fortsetzung folgt)

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