Das „andere“ Irland und sein Whiskey – Ein Reisebericht aus Nordirland von Markus Höller

Kreuz und quer durch Nordirland zu sechs Destillerien und malerischen Unterkünften - mit 15 Bildern

Wenn man an Whiskey aus Nordirland denkt, dann kommt einem unweigerlich Bushmills in den Sinn. Für andere Brennereien muss man wahrscheinlich schon einige Zeit nachdenken, bevor einem die Namen einfallen. Was, wie unser Gastautor Markus Höller schreibt, der für uns für einige Tage Nordirland und ein halbes Dutzend nordirische Destillerien besuchte, schade ist – denn in diesem schönen Stück der irischen Insel gibt es Brennereien, die zu entdecken es sich lohnt – auch vielleicht, weil man ihre Whiskeys schon getrunken, aber nicht in die Region zugeordnet hat.

Kommen Sie mit Markus Höller auf eine Entdeckungsreise nach Nordirland – und lernen Sie die Region und ihre Whiskeys kennen…

GastartikelAutor: Markus Höller

Das „andere“ Irland und sein Whiskey    

Seit der Renaissance des Uisce Beatha von der grünen Insel kann jeder nur halbwegs Interessierte einige Destillerien in der Republik Irland aufzählen. Wenn es aber um das zu Großbritannien gehörende Nordirland geht, wird es oft still. Zu Unrecht, denn auch hier gibt es einiges zu entdecken. Eine Erkundungstour.

Text und Fotos: Markus Höller      

Gut, Old Bushmills ist selbstverständlich jedem bekannt – die altehrwürdige Brennerei in der Nähe des berühmtem Giant’s Causeway konnte sich über Jahrhunderte behaupten. Aber sonst? Nach dem großen Brennerei-Sterben im 20. Jahrhundert war auf beiden Seiten der Insel wenig übrig, erst seit dem durch Cooley und John Teeling angestoßenen Neustart vor etwas über drei Dekaden erblüht das Handwerk wieder. Heute gibt es rund 50 Destillerien, die irischen Whiskey produzieren, und das Business boomt nach wie vor. Grund genug also, sich mit Unterstützung von Tourism Ireland, dem irischen Tourismusbüro, auf einen Trip zu den großteils unbekannten, aber umso spannenderen Brennereien in Nordirland zu machen.

Auf nach Brexitland

Die Anreise erfolgt wie immer via Dublin, dann überquert man Richtung Belfast eine EU-Außengrenze und findet sich in der Region, wo man mit Pfund zahlt und die Ortstafeln die sonst in Irland üblichen gälischen Übersetzungen vermissen lassen. Links gefahren wird aber dort wie da, und angekommen in der ersten Station der Reise wird schnell klar, dass das politische und religiöse Schisma völlig egal ist, wenn es um Whiskey geht. David Boyd-Armstrong und seine Frau Fiona, Gründer und Eigentümer der Rademon Estate Distillery, sehen überhaupt keinen Unterschied zwischen Gebranntem aus Nordirland und der Republik: es ist irischer Whiskey, Punkt. Eine Meinung, die sich später durch alle Gespräche in anderen Destillerien durchzieht. Es gibt keine Trennung, ja nicht mal Konkurrenzdenken; fast alle Personen im Business kennen sich, man arbeitet gemeinsam daran, sich vom echten Mitbewerb drüben in Schottland abzuheben. Und das mit jeder Menge Originalität. David zeigt mir, wie leidenschaftlich er an seinen Whiskeys der Marke Shortcross tüftelt: da gibt es Rohrschablonen, die den Lauf des Destillats aus dem Kessel in den Kondensator und somit die unterschiedlichen Aromen beeinflussen. Lange Fermentation oder spezielle Faßlagerungen, vom Grand Manier- bis zum Port-Quartercask, sind eine weitere Spielwiese. Destilliert wird übrigens doppelt, die irische Folklore von grundsätzlich Triple Distilled wird nicht nur hier, sondern eigentlich fast überall widerlegt. Der Whiskey selbst? Spannend. Vor Ort zeigten mir Varianten vom fünfjährigen Blend aus Single Pot Still und Single Malt aus dem Virgin Oak bis hin zum Peated Single Malt, ebenfalls fünf Jahre im Virgin Oak geruht, die außerordentliche Bandbreite. Einziger kleine Makel: noch hat Rademon Estate keinen wirklich eigenen, unverwechselbaren Stil. Noch.

Die Rademon Estate Distillery
Lego für Whiskytüftler

Nach einer Übernachtung im belebten Newcastle geht es über eine szenische Route weiter zur Copeland Distillery, der östlichsten und einer der kleinsten Brennereien in Nordirland. Die 2016 mit Gin gestartete und später mittels Crowdfunding zur Whiskey-Produktion erweiterte Brennerei schafft mit ihren drei Stills namens Pam, Betty und Hessy aktuell zwar nur überschaubare drei(!) Casks pro Woche, dies aber in bemerkenswerter Qualität. Das Wasser bezieht man ob der Kompaktheit zwar aus der Ortsleitung von Donaghadee, dafür ist man hier besonders stolz – zu Recht – auf die Ergebnisse mit Chocolate Malt; aber auch die Stile Peated, Potstill und Rye hat man gut drauf. Besonders interessant für Besucher: das kompakte Cafe inklusive Shop ist nicht von der Brennerei getrennt, man kann also bei Cappuccino und Scones aus erster Reihe fußfrei zusehen, wie Whiskey gemacht wird. Sehr charmant!

Die Copeland Distillery von Cafe aus
Und der Blick zurück ins Cafe

In und um Belfast

Auf dem Weg Richtung Belfast geht es bewusst nicht zu den (für meinen Geschmack) zu touristisch geprägten Titanic Distillers, sondern Richtung Süden zu Hinch. Diese 2016 erbaute Destillerie ist ein deutliches Kontrastprogramm, denn sie ist dank der äußerst vermögenden privaten Gründer – man macht(e) in teurem französischem Wein – die größte unabhängige Destillerie. Klotzen statt kleckern ist hier die Devise, von den eindrucksvollen Stills über die Warehouses bis hin zu den diversen Tasting-Räumen unterschiedlicher Größe gibt es hier alles. Fast. Denn gearbeitet wird ausschließlich mit Gerste, auf Spielereien wie Rye wird verzichtet. Dafür tobt man sich hier gerne mit Fässern und Stilen aus: zum Beispiel mit dem in der Core Range vertretenen Peated Single Malt, der in Bourbon-, Madeira- und Oloroso-Fässern rasten durfte. Mein Herz gestohlen hat aber der aktuell in der Limited Edition verfügbare Double Wood, der nach fünf Jahren im Ex-Bourbon-Cask noch ein halbes Jahr im Madeirafass seinen außergewöhnlichen Charakter entwickeln konnte. Hinch mag zwar aufgrund seiner stattlichen Größe nicht den Geheimtipp- oder Boutique-Charakter anderer Brennereien haben, aber die Whiskeys sprechen für sich. Wenn man in Belfast weilt, ist die halbstündige Taxifahrt und Tour vor Ort sicher die beste Option für eine kompetente Whiskey-Experience – selbst für Whiskey-Neulinge!

Die mächtigen Stills von Hinch
Im großen Tastingroom fehlt eigentlich nur noch ein Bond-Bösewicht

In Belfast selbst gibt es aber auch eine andere, vor allem historisch interessante Option. Die McConnell’s Distillery, 1776 ursprünglich im Herzen der Stadt liegend, wurde ab 2020 in einem Flügel eines ehemals viktorianischen Gefängnisses neu etabliert. Die bestehende Struktur der Zellentrakte wurde dabei gut sichtbar erhalten, auch als Erinnerung an finstere Zeiten, als während der „Troubles“ hier zahlreiche verdächtige und tatsächliche IRA-Terroristen einsaßen. Erstaunlich ist das Konzept der Brennerei: da man hier ausschließlich Triple Distilled Single Malt produziert, thronen die drei Stills im Gebäude nebeneinander mit exakt gleichem Durchmesser und ergeben so ein für Kenner untypisches Bild; tatsächlich wurden alle drei Kessel mit 3.000 Litern Fassungsvermögen angeliefert, erst in einem weiteren Schritt wurde einer in der Höhe auf 5.000 Liter erweitert. Alle aktuell verfügbaren McConnell’s Flaschen der Core Range sind allerdings Bestände aus der Great Northern Distillery, die in fünf Jahre in Ex-Bourbonfässern, Ex-Bourbon plus Oloroso Finish oder Ex-Bourbon plus Cognac-Finish gelagert wurden. 2029 werden dann die ersten tatsächlich vor Ort gebrannten Tropfen auf den Markt kommen, der erste „echte“ Run wurde 2024 in Ex-Bourbon-Casks von Wild Turkey gefüllt, wie mir der quirlige Master Distiller Graeme Millar bei der Tour verriet. Man darf gespannt sein!

Einst berüchtigtes Gefängnis, nun Brennerei
Ein selten symmetrisches Setup

Coast to coast

Am nächsten Tag geht es in die hügelige nordirische Pampa – unerwartet, denn das Ziel heißt Wild Atlantic Distillery. Doch zur nächsten Atlantikküste sind es 30 Kilometer Luftlinie oder rund 40 Minuten Autofahrt. Angekommen in der winzigen Brennerei, die bei der Anfahrt mitten im Nichts auf den ersten Blick wirkt wie eine überdimensionierte Gartenhütte, nimmt mich Co-Gründer und -Eigentümer Jim Nash herzlich in Empfang. Und klärt mich schnell über die irritierende Namensgebung auf: so wie viele der neuen Brennereien auf der irischen Insel hat Wild Atlantic auch mit Gin begonnen. Zwölf Botanicals gaben und geben diesem ihr Aroma, und die meisten davon werden am Abschnitt der Porcupine Bank des Wild Atlantic Way, der berühmten wildromantischen Westküste Irlands, gesammelt. Aha.

Der Autor vor den Stills

Die Unabhängigen machen übrigens alle sehr guten Gin, wie ich auch bei den Besuchen bei Copeland oder Rademon Estate feststellen konnte. Wem der „Botanist“ von Islay zusagt, aber schon zu Mainstream ist, sollte mal bei den Iren reinschnuppern, just my 2 cents. Außerdem spielt Gin auch wirtschaftlich eine wichtige Rolle: dank der einfachen Herstellung mit schnell drehenden Chargen stützt der Gin-Absatz das Geschäft, während die Whiskeys ihre gesetzlich erforderliche Mindestfrist von drei Jahren im Fass „absitzen“.

Die wahrscheinlich gepflegtesten Casks Irlands

Zurück zu Jim. Der ist ein fröhlicher Pragmatiker mit einem gesunden Geschäftssinn. Die beiden adretten Stills in der selbst gebauten Blechunterkunft entpuppen sich auf den zweiten Blick als Produkte aus China – deutlich günstiger als die renommierten Kessel aus z.B. Deutschland, aber „Kupfer ist Kupfer“, und investiert wird lieber in gute Fässer für den „Islandmen“, wie die Marke des Whiskeys heißt. Namensgebend sind Jim und sein Partner und Schwager Brian, beide eben Männer von der Insel. Beim Whiskey selbst handelt es sich um einen soliden Blend aus zugekauftem Grain und dem eigenen Single Malt, der drei Jahre im Bourbonfass und noch eine Extrarunde im Pedro Ximénez Solerafass reifen durfte.

Apropos Fass. Ein weiterer Stopp auf meiner Route durch Nordirland führt mich an die Ostküste, ganz knapp an die Grenze zur Republik Irland, nach Newry. Hier ist der Sitz von Two Stacks Irish Whiskey, bei der Anfahrt bemerke ich jedoch keine Brennerei-typische Shilouette. Kein Wunder, denn der volle Firmenwortlaut endet mit „…Bonders & Blenders“. Tatsächlich also das, was man der Einfachkeit halber oft „unabhängige Abfüller“ nennt. Mitgründer und -eigentümer Liam Brogan führt mich in die von außen schlichte Halle, in der sich aber drinnen Unmengen an unterschiedlichsten Fässern neben Abfüllanlagen und Expedit türmen. Der Job von Two Stacks ist im Wesentlichen also die Kreation ungewöhnlicher Fassreifungen; entweder als Auftragsarbeit oder für die eigene Kollektion. Darunter auch ein Irish Cream Liquor, der you-know-who geschmacklich um Längen ausbremst, aber auch die witzige „Dram-In-A-Can“ Serie, kleine 100ml Dosen mit ausgesprochen spannenden Fassreifungen. Bemerkenswert ist, dass Two Stacks keine Geheimniskrämerei betreibt, sondern auf jeder Flasche und Dose penibel vermerkt, welche Anteile Whiskey in welchem Fass weilen durften. Und da gibt es echt exotische Kombinationen: Triple Sherry zum Beispiel, aber auch Cabernet Franc oder komplett ausgeflippte Dinge wie Maple Stout oder Blackberry Brandy Cask. Aus logistischen Gründen (Pfand, Kennzeichnung) sind die kleinen, sortenreinen Dosen nur vereinzelt auf im EU-Markt zu haben – daher wenn in der Gegend, den Koffer damit vollmachen!!

Hier schlummern erstaunliche Raritäten
Dram in a Can – Ein famoses Konzept

Ruhe sanft

Two Stacks ist übrigens auch Lieferant für die Haus-Whiskeys des nahe gelegenen Killeavy Castle Estates, einem rund um ein antikes und revitalisiertes Schlösschen etablierten Resort & Spa, wo man besonders wert auf angenehme Atmosphäre und Slow Food legt. Ein traumhafter Flecken in der Natur, der den Begriff „Retreat“ wirklich verdient.

© Killeavy Castle Estate -Erholung auf höchstem Niveau

Für Whiskey-Enthusiasten ist aber tatsächlich das Harbourview Hotel an der malerischen Nordostküste der ideale Ort zum Träumen, in mehrfacher Hinsicht. Irlands erstes Whiskey-Hotel bietet alles, was das Herz von Enthusiasten begehrt: urige, stilechte Unterbringung in einem Hotel, das als Londonderry Arms im Jahr 1848 eröffnete und von 1921 bis 1923 sogar im Besitz von Winston Churchill war. Und seit dem Erwerb, Umbau und der Umbenennung (sensible Entscheidung, Londonderry ist auf der Insel noch immer sehr vorbelastet) nun eigene Abfüllungen unter den Marken Carnlough, Outwalker und Limavady reifen lässt. Im Zuge einer kleinen Tour entführt mich Eigentümer Adrian McLaughlin in seinen kleinen, feinen Fass-Lagerraum und öffnet bereitwillig Spund für Spund: Pedro Ximenez, Palo Cortado, Madeira, Tawny Port und Amontillado sind nur einige der Quarter Casks, die hier Iren zur Vollendung lagern lassen. Und für alle, die es genau wissen wollen (und sich leisten können), gibt es ein Kaminzimmer und eine Hauptbar, wo sich rare und ultrarare Originalabfüllungen finden. Die man alleine oder als Vierer-Flights kosten kann, darunter auch „World’s Most Expensive Irish Whiskey Flight“ von Bushmills: je 15ml 18yo Grand Cru Cask Causeway Collection, 33yo Port Cask, 36yo Hill Street Edition und der 46yo Secrets of the River Bush – zusammen um schmale 1.608,- Pfund Sterling.

© Harbourview Hotel – Gehörte mal Winston Churchill, jetzt ein Whiskey-Pilgerort
Quartercasks für Feinschmecker

Bottom Line

Wer irische Whiskeys mag, wird auch im noch unbekannten Norden mehr als angenehm überrascht. Die recht neuen und unabhängigen Brennereien arbeiten mit erstklassiger Qualität, hohem Know-How und vor allem einer Kreativität, die viele etablierte Schotten oft vermissen lassen. Und das zu durchwegs fairen Preisen. Die besondere landschaftliche Magie, die Gastfreundschaft und die gute Küche steht dem besser bekannten Rest der Insel ohnehin um nichts nach. Schaun Sie sich das an – gute Reise und Slaintè!

-Werbung-

Unsere Partner

Werbung

- Werbung -

Neueste Artikel

Werbung

- Werbung -