Die Zukunft ist jetzt: Irish Single Pot Still Whiskey vor der Neudefinition? Eine Betrachtung von Neil Saad

Was ändert sich bei irischem Whiskey - und warum? Neil Saad hat sich für Sie die neue Produktspezifikation angesehen

Schon im Juni haben wir über die beginnenden öffentlichen Konsultationen zur Produktspezifikation für Irish Whiskey berichtet, bei der alle betroffenen Parteien den Vorschlag dazu prüfen, kommentieren und mit Ergänzungsvorschlägen versehen konnten. Dazu hat das Department of Agriculture, Food and the Marine aufgerufen – der Zeitraum für die Begutachtung lief von damals bis zum 4. September 2026, also bis vor fünf Tagen.

Unser Gastautor Neil Saad hat den Status Quo der Neudefinition der Produktspezifikation für Irish Whiskey in einem lesenswerten Artikel zusammengefasst. Neil Saad (Jahrgang 1981) stammt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet (Dortmund) und gilt als versierter Kenner, Autor und Akteur der irischen Whiskey-Szene. Er ist Co-Host des Podcasts Irish Whiskey News (zusammen mit Whisky Jason), Gründer von Kingdom Whiskey Tasting Events und hat mit Sebastian Büssing die experimentelle Reifungsreihe „The Woodpecker & The Leprechaun“ herausgebracht.

Viel Vergnügen bei der Lektüre.

GastartikelAutor: Neil Saad

Die Zukunft ist jetzt: Irish Single Pot Still Whiskey vor der Neudefinition?

Irish Whiskey, und hierbei vor allem Irish Single Pot Still Whiskey, steht vor einer möglicherweise wichtigen regulatorischen Veränderung. Nach Jahren intensiver Vorbereitungen und Diskussionen, endet nun die öffentliche Konsultation zu den Änderungsvorschlägen zum Irish Whiskey Technical File, dem rechtlichen Regelwerk rund um irischen Whiskey.

Im Mittelpunkt der Vorschläge steht die Frage: Wie definiert man einen Whiskeystil neu, dessen historische Herstellung offenbar wesentlich vielfältiger war, als es die heutige Gesetzgebung zulässt?

Endet das laufende Verfahren in einer Neufassung der Irish-Single-Pot-Still-Definition, bieten sich irischen Produzenten rechtskonforme Möglichkeiten, eine historische legitimierte und schon längst wachsende geschmackliche Vielfalt legal als Irish Single Pot Still zu deklarieren. Entsprechend groß wären die Auswirkungen auf Irlands einzigartigen Whiskeystil wie wir ihn heute kennen.

Doch fangen wir von vorne an.

Status Quo: Das Irish Whiskey Technical File von 2014

Mit dem Irish Whiskey Technical File wurde 2014 die rechtlich verbindliche Produktspezifikation für die geschützte geografische Angabe Irish Whiskey auf EU-Ebene verfasst. Analog zu den Definitionen von Scotch Whisky oder dem US-amerikanischen Bourbon legt das Dokument fest, welche Materialien und technischen Verfahren bei der Herstellung und Reifung verwendet werden dürfen.

Zudem definiert das Technical File die verschiedenen Kategorien von Irish Whiskey und legt deren Terminologie fest: Irish Single Malt, Irish Single Pot Still, Irish Single Grain und Irish Blended Whiskey.

Vor 2014 beschrieb bereits der Irish Whiskey Act von 1980, was Irish Whiskey ausmacht. Allerdings wesentlich allgemeiner, fast schon vage formuliert, und ohne die heute bekannten Unterkategorien wie Irish Single Pot Still. Damit erhielt das Produkt in 2014 durch das neue Technical File eine deutlich straffere Einfassung. Aus Sicht der Verbrauchertransparenz und zum Schutz der irischen Whiskeyindustrie in einem stärker globalisierten Markt ein sinnvoller Schritt.

Kilbeggan Pot Still und Spirit Safe. Bild: Kilbeggan

Traditioneller Irish Pot Still Whiskey: Die Geister der Vergangenheit

Jedoch entstand die Definition von Irish Single Pot Still Whiskey in einer Zeit mit nur wenigen Marktteilnehmern. Die Midleton Distillery von Irish Distillers – unter anderem Hersteller von Jameson und Redbreast – war der zentrale industrielle Produzent des Pot-Still-Stils. Die damals geltende Produktionspraxis prägte damit maßgeblich die spätere rechtliche Definition:

  • Hergestellt aus mindestens 30 % gemälzter und 30 % ungemälzter Gerste und maximal 5 % weiteren Getreides
  • Destilliert auf kupfernen Pot Stills
  • Gereift in Holzfässern für mindestens drei Jahre
  • Gebrannt und gereift auf der irischen Insel
  • Abgefüllt mit mindestens 40 % Vol.

Schon parallel setzte das Irish Whiskey Revival ein. Von einer Handvoll Brennereien in 2014 erwuchs in den folgenden zehn Jahren ein Szene aus beinahe 50 Destillen und ein Vielfaches mehr an weiteren Herstellern. Mit wachsender Begeisterung für irischen Whiskey wuchs auch das Interesse an dessen Historie – und die Geister aus Irlands reichhaltiger Whiskeyvergangenheit holten die Branche bereits früh ein.

Schnell zeigte sich, dass die nun gültige Definition von Irish Single Pot Still so eng gefasst war, dass sie bestimmte historische Produktionsweisen nicht angemessen abbildete – und moderne Produzenten in ihren Möglichkeiten beschnitt. Des Pudels Kern: eine zu enge Eingrenzung des Getreides.

Stills in der McConnels Distillery. Bild: Markus Höller

Irish Single Pot Still: Eine Definition mit historischem Problem

Noch immer hält sich hartnäckig die Erzählung, Irish Pot Still Whiskey sei als eine Variante von Malt Whiskey entstanden, da irische Brennereien Steuern sparen wollten. Nach Einführung der Malzsteuer in 1785 hätten sie entschieden, schlicht den Anteil gemälzter Gerste und damit einher ihre Steuerschuld zu reduzieren. Auf diese  Weise hätten sie erfunden, was als Irish Pot Still Whiskey bekannt ist: Ein Whiskey aus gemälzter und ungemälzter Gerste.

Die historische Realität ist komplexer. Wie die heutige Geschichtsforschung belegt, war einerseits das Verwenden von anderen Getreidearten als Gerste weit verbreitet. Andererseits wurden diese nicht selten ungemälzt in die Maische gegeben. Hierbei geht diese Tradition schon auf die Zeit vor der Einführung der Malzsteuer zurück. Die Malzsteuer dürfte diese Praxis wirtschaftlich weiter begünstigt und ihre dauerhafte Etablierung gefördert haben.

Dabei hatte die traditionelle Hinzugabe von Hafer, Roggen und Weizen vor allem geschmackliche Auswirkungen. So veränderte sich je nach Mash Bill das gesamte Profil des Whiskeys – und machte die Bandbreite deutlich vielfältiger.

Diese geschichtlichen und praktischen Zusammenhänge erarbeitete jüngst Dr. Fionnán O’Connor in seiner Doktorarbeit “Still With Us: Formative Imperatives in the History of Material Irish Whiskey, c. 1324-1980” (veröffentlicht in 2025) auf. Anhand überlieferter Mash Bills aus den Jahren 1800 bis 1966 zeigt er dabei, wie vielfältig Getreide in der irischen Whiskeyproduktion eingesetzt wurde. Dazu erstellte Dr. O’Connor in enger Zusammenarbeit mit mehreren, modernen Produzenten eine experimentelle Reihe, in der sich zeigt, wie sich diese Getreidevielfalt im Produkt selbst sensorisch auswirkt.

Eine historische Getreide- und Geschmacksvielfalt, die sich im aktuellen Technical File nicht wiederfindet. Vielmehr fordert es hohe Mindestmengen von Gerste, sowohl ungemälzt als gemälzt, von kombiniert mindestens 60%. Anderes Getreide ist auf maximal 5% beschränkt.

Irish Single Pot Still der Zukunft: 30 % heimisches Getreide

An der Diskrepanz zwischen moderner, rechtlicher Definiton und historischer Realität stoßen sich vor allem moderne Brennereien. Vertreten durch die Irish Whiskey Association und die Irish Whiskey Guild, wollen sie mit den Änderungsvorschlägen zum Irish Whiskey Technical File das Potenzial dieser Vielfalt wieder zugänglich zu machen und die rechtliche Definition näher an die historische Produktionspraxis heranzuführen..

Anstatt auf Rechtssicherheit zu warten, legten viele in den letzten Jahren bereits los. Sie griffen die traditionelle Produktionsweise wieder auf und unter alternativen Bezeichnungen wie “Vintage Pot Still” oder “Mixed Mash Bill Whiskey” kursieren ihre Abfüllungen mittlerweile nicht mehr nur in engsten Szenekreisen. Prominente Namen hierunter sind die Killowen Distillery, die Boann Distillery oder die Blackwater Distillery.

Nun soll eine Öffnung der Definition von Single Pot Still im Technical File das Spannungsfeld zwischen Geschichte und den Grenzen des gültigen Gesetzes auflösen. Die Doktorarbeit von Dr. Fionnan O’Connor bietet die wissenschaftliche Evidenz und Argumentationsgrundlage für die nun vorliegenden Änderungsvorschläge.

  • Erhöhung des Nicht-Gerstenanteils von 5 auf maximal 30 %
  • Konkretisierung der zulässigen Getreidearten auf historisch belegte Getreide wie Hafer, Roggen und Weizen
  • Getreide kann sowohl gemälzt als auch ungemälzt verwendet werden
  • Ungenauigkeiten hinsichtlich Peated Malt werden konkretisiert: Malz kann sowohl über Torffeuer gedarrt werden (peated Malt) als auch nicht-rauchig sein
  • Zweifach- und Dreifachdestillation im Batchverfahren ist auf einer oder mehrerer kupferner Brennblase möglich

Irische Getreidevielfalt: Ist Malt gleich Malt?

In Irland wie in Schottland ist Single Malt Whiskey rechtlich klar definiert und geschützt. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet ‚Malt‘ stets gemälzte Gerste. Historisch wurde der Begriff jedoch nicht zwangsläufig so eng verwendet. Vielmehr stand Malt in Irland schlicht für gemälztes Getreide jeder Art. Was ist also heute mit gemälztem Hafer, Roggen oder Weizen? Durch die Festlegungen der Single-Malt-Definition entstand für diese ein rechtlicher Graubereich, der Brennereien vor Bezeichnungen wie Irish Rye oder Malted Wheat zurückschrecken ließ.

Die Änderungsvorschläge zum Technical File räumen hier auf. Sie rühren nicht an der Definiton von Single Malt, aber geben Rechtssicherheit dafür, dass andere gemälzte Getreidearten unter der Kategorie Irish Whiskey geführt werden dürfen.

Die imposanten Stills in der Teeling Distillery. Bild: Whiskyexperts

Irish Single Grain und Green Barley

Auch die Kategorie des Irish Single Grain Whiskey steht im Fokus der Änderungsvorschläge. Hierbei rühren sie an einem praktischen Problem. Nach seiner Definition, muss irischer Single Grain Whiskey gemälzte Gerste enthalten, jedoch maximal zu 30 %. Eingebürgert hat sich, darunter nicht nur gedarrtes Malz sondern auch Green Barley zu verwenden. Green Barley ist ungedarrtes Malz. Es enthält dieselben für das Maischen benötigten Stoffe bei jedoch reduziertem Energieaufwand, da der Darrprozess entfällt.

Dieser ökologische und wirtschaftliche Mehrwert hat einen Nachteil: der ungetrocknete Green Barley enthält deutlich mehr Feuchtigkeit und wiegt entsprechend mehr. Umso weniger kann bei der Herstellung von Grain Whiskey verwendet werden, bevor die 30-Prozent-Marke gerissen wird. Um dem zu begegnen, schlagen die Antragsteller vor, den maximalen Anteil auf 40 % zu erhöhen.

Fokus Holz und mehr Transparenz

Neben den großen Fragen rund um Mashbills und Getreide gibt es weitere Änderungsvorschläge, die stärker die Kennzeichnung und Verbraucherinformation betreffen.

  • Hervorhebung der Holzfassreifung als Kontrast zur Eichenholzreifung in anderen Ländern
  • Strengere Regeln zur Verwendung von irreführenden Ziffern auf Labels
  • Strengere Vorgaben zur Bezeichnung von verwendeten Fässern

Die Zukunft des irischen Whiskeys: Zwischen Schutz und Weiterentwicklung

Die Änderungsvorschläge und die sich darum rankende Diskussion zeigt, dass es sich hier um vielmehr als nur technische Detailfragen unter Produzenten handelt. Sie zeigt, wie vielfältig irischer Whiskey einst war und wie eine neue Generation von Herstellern mit einem neuen Blick auf seine Geschichte, Innovation aus Altbewährtem schafft. Hierin können sich Brennereien deutlich stärker diversifizieren, vom Markt abgrenzen und Nischen bilden als lediglich über Fassreifung und Alter. Damit könnten sie einerseits mehr Rechtssicherheit gewinnen und andererseits Produktionsweisen wieder aufgreifen, die historisch für irischen Whiskey belegt sind.

Für den Konsumenten bedeutet eine Industrie, die sich nicht nur über eine einzelne Getreideart und einen singulären Stil definiert, vor allem eine größere geschmackliche Vielfalt. Diese wird sich mit den Jahrzehnten durch Fassreifung und Altersstufen noch weiter aufgliedern. Spannend wird dabei zu beobachten, wie sich die großen Hersteller von Irish Single Pot Still Whiskey nach der bisher gültigen Machart verhalten. Denn sie besitzen die Reichweite, den traditionellen Stil aus der Nische zu holen und massentauglich zu machen.

Das aktuelle Verfahren zur Änderung des Irish Whiskey Technical Files ist nun das entscheidende Element, um die Dinge ins Rollen zu bringen, und auf das alle Augen gerichtet sind.

Unser Titelbild zeigt den Tasting Room der Hinch Distillery. Bild: Markus Höller

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