Exklusiv: Interview mit Stephanie Macleod, Director of Blending und Malt Master von Aberfeldy

Unser Interview mit Stephanie in deutscher Übersetzung - über Whiskyentwicklung, Destilleriecharakter und Premiumisierung

Stephanie Macleod ist eine der profiliertesten Figuren in der schottischen Whiskyszene. 2020 wurde sie zum Master Blender bei Aberfeldy ernannt, drei Jahre später übernahm sie zusätzlich die Aufgabe, als Director of Blending, Scotch Whisky, für die Destillerien von Bacardi das Profil und die Ausrichtung in Sachen Whisky zu verantworten – konkret gesagt für Aberfeldy, Craigellachie, Aultmore, Royal Brackla und Glen Deveron.

Am Sonntag war Stephanie Macleod zur Veranstaltung „Meet The Makers“ (wir berichteten hier darüber) in Berlin – und bereits vor dem Event hatten wir die Möglichkeit, mit ihr über ihre Arbeit und ihre Gedanken zu Whisky zu sprechen. Unser Interview finden Sie unten in einer übersetzten Abschrift – das Video dazu werden wir zu einem späteren Zeitpunkt auf Youtube veröffentlichen – wenn Sie darüber informiert werden wollen, dann bitte abonnieren Sie doch unseren Kanal dort.

Nun aber zu unserem Gespräch mit Stephanie Macleod:

Whiskyexperts: Vor sechs Jahren haben wir ein Interview mit Ihnen gemacht, als Sie Master Blender bei Aberfeldy wurden. Vor drei Jahren hatten wir einen Artikel darüber, dass Sie bei Bacardi Director of Blending Whisky wurden. Und jetzt, wieder drei Jahre später, haben Sie daraus resultierend mehrere Destillerien in Ihrer Obhut.

Stephanie Macleod: Genau – Aberfeldy, Craigellachie, Aultmore, Royal Brackla und Glen Deveron.

Whiskyexperts: Wie agieren Sie dabei, um den Charakter jeder Brennerei separat zu halten, damit sie sich voneinander möglichst unterscheiden?

Stephanie Macleod: Bei Craigellachie ist das ziemlich einfach. Wir haben die Worm Tubs, die Worm Condensers, und er hat damit diesen muskulösen Charakter, hinter dem sich dieser erstaunliche fruchtige Charakter verbirgt. Und während er reift, lassen die schwefeligen Noten nach und die fruchtigen Noten treten in den Vordergrund.

Aultmore ist eher ätherisch, ziemlich elegant und unterschwellig, also völlig anders als Craigellachie, obwohl beide aus der Speyside stammen.

Royal Brackla ist sehr stark vom Sherry-Finishing geprägt, und wir haben für jede Altersangabe ein anderes Sherry-Finish.

Glen Deveron – mit dem machen wir nicht ganz so viel, aber er hat die Charakteristika von Äpfeln und gerösteten Getreidenoten. Und er läuft immer noch sehr gut. Die Leute lieben ihn.

Whiskyexperts: Eigentlich ein sehr unterschätzter Whisky.

Stephanie Macleod: Das ist er. Das ist er. Und er funktioniert auch sehr gut mit Sherry.

Und dann haben wir Aberfeldy, der Grund, warum ich hier bin. Und das ist wiederum ein Highland-Whisky. Es war die einzige Destillerie, die von der Familie Dewar gebaut wurde. Für uns als Unternehmen ist sie also sehr wichtig. Sie wurde ganz klar mit Blick auf Qualität gebaut. Sie wollten das Beste und die modernste Technologie der damaligen Zeit. Und es ist noch dazu eine wunderschön anzusehende Destillerie. Sobald man vorfährt, merkt man einfach, wie sich die Schultern entspannen. Und, wissen Sie, mein Mann stammt auch aus Aberfeldy, also gibt es da auch eine Art familiäre Verbindung.

Also: jede Destillerie hat ihren eigenen Charakter, und das liegt an den Menschen, die in den jeweiligen Destillerien arbeiten. Sie sind hochprofessionell und leidenschaftlich bei dem, was sie tun. Es gibt eine kleine Rivalität zwischen den Destillerien. „Mein Whisky ist der bessere“, „Nein, mein Whisky ist der beste“ – womit ich sie auch gerne provoziere und aufziehe , aber das Wichtige ist, dass der Prozess für jede Brennerei immer derselbe ist, damit wir ein konsistentes Destillat liefern. Und um konsistent zu sein, beziehen wir die besten Fässer, die wir nur können, weil wir sicherstellen wollen, dass wir das Destillat am Ende des Reifungsprozesses fast vorhersagen können, damit keine bösen Überraschungen auf die nächste Generation von Blendern warten, die diesen Whisky dann übernehmen werden.

Das ist eines der Dinge beim Whisky: Bei dem Whisky, den wir heute machen, wissen wir nicht, ob wir ihn je in einer Flasche sehen werden. Aber wir treffen jede Vorsichtsmaßnahme, die wir können, um sicherzustellen, dass unsere Whiskytrinker der Zukunft, egal was passiert, denselben großartigen Geschmack haben werden, den sie heute erleben.

Whiskyexperts: Es muss so etwas wie ein flüssiges Archiv in einer Destillerie geben, das in die Vergangenheit zurückreicht. Wie weit reicht es bei Aberfeldy zurück?

Stephanie Macleod: Also, wir behalten Proben. Wir haben wahrscheinlich Proben, die bis zu meinem Anfang im Jahr 2006 zurückreichen, ganz sicher. Das Problem mit dem Aufbewahren von physischen Proben ist, dass sie nicht mehr so sind wie zu dem Zeitpunkt, als man sie in die Flasche gefüllt hat.

Whiskyexperts: Sie entwickeln sich in der Flasche weiter, richtig?

Stephanie Macleod: Ja, das tun sie. Wenn man sie einfriert, behalten sie etwas mehr. Was wir also mehr nutzen, sind unsere sensorischen Notizen, die wir damals gemacht haben. Und das sagt uns dann, ob es eine Veränderung gegeben hat oder nicht.

Whiskyexperts: Sie müssen von Zeit zu Zeit die Gerstensorte wechseln, Sie ändern wahrscheinlich im Laufe der Zeit die Hefe. Die Brennblasen werden ersetzt oder Teile davon werden überarbeitet – wie behalten Sie da den Charakter des New Make bei? Streben Sie überhaupt danach, den Charakter des Destillats so beizubehalten, wie er ist?

Stephanie Macleod: Wissen Sie, Sie haben recht. Es ist unglaublich, aber es gab in der Vergangenheit Leute, die mir gesagt haben, sie könnten schmecken, wann Golden Promise ging und eine andere Gerstensorte kam. Und das kann ich nicht bestreiten. Die Zutaten, die in unseren Whisky fließen, sind also sehr wichtig.

Ich glaube, dass wir sogar von Brennvorgang zu Brennvorgang manchmal leichte Unterschiede sehen können. Bei Aberfeldy ist es fruchtig, grasig, getreidig. Manchmal kann es grasig, fruchtig, getreidig sein. Ja. Aber dann bringen wir alles als eine Charge zusammen und die kleinen Unterschiede gleichen sich gewissermaßen aus.

Auch beim Destillieren im Winter im Gegensatz zum Destillieren im Sommer können wir leicht unterschiedliche Eigenschaften erhalten, und manche Leute machen daraus eine Besonderheit.

Whiskyexperts: Als Sie die Position als Director of Blending übernahmen, hieß es in der Pressemitteilung, Ihre Aufgabe sei es, die Premiumisierung voranzutreiben. Ist das noch aktuell oder hat sich der Markt so verändert, dass dies nicht mehr das oberste Ziel ist?

Stephanie Macleod: Ich denke, es gibt jetzt zwei Bereiche, auf die wir schauen. Wir schauen mehr auf die Standards, aber Premiumisierung ist immer noch etwas, wonach die Leute suchen. Sie wollen immer noch eine besondere Flasche kaufen. Einige Leute haben das Geld, um viel auszugeben, und andere nicht. Und manche Leute, zum Beispiel in einem Whisky-Club, kaufen eine besondere Flasche und teilen das Erlebnis dann miteinander. Und ich finde, das ist eine wirklich schöne Sache. Sie trinken ihn nicht einfach nur alleine. Ich denke also, dass Premiumisierung nach wie vor eine Strategie ist, die wir verfolgen sollten.

Aber gleichzeitig erkennen wir auch an, dass die Menschen im Moment andere Dinge haben, für die sie ihr Geld ausgeben müssen – Essen, Treibstoff. Aber sie wollen trotzdem genießen. Und ich glaube, es ist jetzt noch wichtiger, dass wir unseren Whiskytrinkern etwas wirklich Besonderes fürs Geld bieten, denn wenn sie ihr Geld ausgeben, wollen sie es gut anlegen.

Whiskyexperts: Diese Veranstaltung hier nennt sich „Meet the Maker“, und das führt zu der sehr logischen Frage: Wie machen Sie Whisky? Könnten Sie uns durch die Schritte von der Idee oder dem, was das Marketing als Idee vorgibt, bis zum fertigen Produkt führen? Was müssen Sie tun, was ist Ihre Rolle, was ist die Rolle Ihres Teams?

Stephanie Macleod: Es ist eine Mischung. Manchmal bekommen wir von unserem Lieferanten eine Liste mit Fässern und sagen: „Oh, was ist das? Lasst uns das mal probieren.“ Ein bisschen wie der Tokajer für Royal Brackla. Wissen Sie, wir dachten: „Ich glaube, das würde wirklich gut zu Royal Brackla passen. Probieren wir es aus.“ Wir haben Portweinfässer bekommen: „Lasst uns das mit etwas ausprobieren.“ Manchmal haben wir also experimentiert, und das Experiment hat funktioniert. Wir haben es dann unseren Markenleuten gezeigt, und sie sagten: „Ja, das lieben wir auch. Machen wir so.“

Ein anderes Mal sagt das Markenteam: „Lasst uns mal etwas anderes machen. Lasst uns Wein erforschen.“ Und wir gehen dann los, besorgen diese Fässer, machen ein paar Experimente und sagen dann entweder: „Ja, das hat funktioniert“ oder „Es braucht noch mehr Zeit.“ Aber an jedem Punkt arbeiten wir sehr eng mit unserem Markenteam zusammen, weil das Markenteam unsere Verbraucher, unsere Whiskytrinker repräsentiert. Und deshalb ist es wirklich wichtig, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten und sicherstellen, dass wir immer auf diese Stimme hören.

Wenn wir für uns in den Brennereien arbeiten hat das manchmal auch einen größeren Zeithorizont, und wer auch immer in 12 Jahren das Sagen hat, wird dann sagen: „Das war etwas, das vor 12 Jahren gemacht wurde.“

Ein weiteres Beispiel dafür, wie wir das angehen: Wir haben ein Projekt mit schottischer Eiche gemacht, bei dem wir einen Teil des Aberfeldy in schottischer Eiche nachgereift und ihn dann in unserer Aberfeldy-Destillerie als Distillery only herausgebracht. Das war einfach der Gedanke: „Lasst uns versuchen, etwas mit schottischer Eiche zu machen.“ Das war während der Pandemie, und während des Lockdowns haben wir beschlossen, ein paar Dinge auszuprobieren – es war viel Zeit da. Neben schottischer Eiche haben wir also auch Mizunara-Fässer ausprobiert.

Zusammenfassend ist das „whisky making“ eine Mischung aus dem, was wir für eine gute Idee gehalten haben, und dem, was das Markenteam denkt. Und es bin natürlich nicht nur ich; ich habe drei Blender: einen Blender, der eigentlich unser Master of Wood und unser Bestandsstratege ist, und dann habe ich einen Blender und einen Assistant Blender. Mein Master of Wood ist ein Schotte, er heißt Keith Geddes; meine Blenderin ist ebenfalls aus Schottland und eine Frau, ihr Name ist Rhiann Ferguson; und meine Assistant Blenderin ist Anija Cherian, sie kommt eigentlich aus Indien und hat alles aufgegeben, um bei uns in Schottland zu arbeiten.

Whiskyexperts: Lassen Sie mich dieses Interview mit einer Frage beenden, die wir so ähnlich auch vor sechs Jahren gestellt haben. Da Sie für das Blending und alles andere verantwortlich sind und für die Zukunft planen müssen: Was sind Ihrer Meinung nach die Chancen und Risiken für schottischen Whisky in den nächsten Jahren?

Stephanie Macleod: Ich denke, wir müssen darauf bedacht sein, die beste Qualität und die aufregendsten Whiskys anzubieten, die wir können. Denn wie ich schon sagte, das Geld sitzt knapp, und wenn die Leute Geld ausgeben, wollen sie wissen, dass sie es gut angelegt haben. Sie wollen das Erlebnis mit Familie und Freunden teilen, und sie möchten, dass diese wissen, dass das Geld gut investiert war und es jedem schmeckt. Wir müssen uns also weiterhin auf qualitativ hochwertige Fässer konzentrieren und unsere Prozesse so streng und optimal wie möglich halten.

Wir müssen auch die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit anerkennen. Wissen Sie, wir bekommen nicht mehr so viel Regen, selbst in Schottland, weniger Regen und mehr Sonnenschein. Diesen Wandel müssen wir also anerkennen und entsprechend handeln.

Jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass schottischer Whisky immer einen Platz im Herzen der Menschen haben wird

Whiskyexperts: Stephanie, vielen Dank für Ihre Zeit und danke für das Interview.

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